Gesundheit

Hier gibt es kein Corona, jetzt erzählt ein Infizierter

Laut "offizieller" Darstellung gibt es in Turkmenistan kein Corona. Jetzt spricht ein ehemaliger Covid-19-Patient von Vertuschung und Heimlichtuerei.

Sabine Primes
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Statt an Corona leidet man in Turkmenistan an "Lungenentzündung".
Statt an Corona leidet man in Turkmenistan an "Lungenentzündung".
Getty Images

Turkmenistan ist - wie etwa Nordkorea - eines der wenigen Länder, das von Corona bisher verschont blieb. Das möchte zumindest die turkmenische Regierung glauben machen. 

Zweifel an coronafreier Darstellung

Die Darstellung wird international natürlich aus mehreren Gründen bezweifelt. Zunächst, weil Nachbarländer wie Usbekistan mitunter hohe Infektionszahlen melden. Ebenso, weil in Turkmenistan seit einigen Wochen Masken und bestimmte Quarantäne-Regelungen vorgeschrieben werden - angeblich eine Schutzmaßnahme gegen "Staub" und weil angeblich Turkmenistans Gesundheitsministerium anordnete, dass Bürger über 18 Jahren gegen Covid-19 geimpft werden müssen. Das berichtet die Staatszeitung Neutrales Turkmenistan.

Jetzt sprach ein ehemaliger Corona-Patient aus Turkmenistan mit der BBC, wie er seine Krankheit in einem Land erlebte, wo es sie doch eigentlich gar nicht gibt.

Niemand spricht das C-Wort aus

Sayahat Kurbanov (Name geändert, Anm.) war am Ersticken. Er schnappte nach Luft, als würde er einen Marathon laufen, der Schmerz in seiner Brust war unerträglich. Er hatte alle Symptome des Coronavirus. Als er einen Krankenwagen rief, sagte ihm der Arzt, er habe eine Lungenentzündung und müsse dringend ins Krankenhaus. Er wusste, dass die Ärzte Covid-Fälle als Lungenentzündung bezeichneten. Niemand würde je das C-Wort aussprechen. 

Auf dem Weg zum Krankenhaus gelang es Herrn Kurbanov, die Klinik anzurufen, in der er einige Tage zuvor einen Covid-Test gemacht hatte. "Es ist positiv", hörte er eine leise Stimme sagen. "Was ist positiv?" rief er, "ist es Covid?" "Ja", kam die Antwort. Erst später stellte er fest, dass man in Turkmenistan bei einem positiven Test nie ein Blatt Papier bekommt.

Das erste Krankenhaus, in das sie gingen, weigerte sich, ihn aufzunehmen, weil es voll war. "Ich wäre unterwegs fast gestorben", sagte Herr Kurbanov. "Sie gaben mir Sauerstoff, aber es half nicht viel." Erst als er einen Arzt anrief, den er kannte, wurde er schließlich in einer Klinik aufgenommen.

Zustände im Spital

Sein Zustand änderte sich fünf Tage lang nicht. "Ich konnte nicht einatmen - es war, als wäre alles in mir zusammengeklebt. Ich hatte Panikattacken, weil ich nicht atmen konnte. Es war, als ob ich unter Wasser getaucht wäre und nicht auftauchen könnte." Er rief nach Krankenschwestern, die ihm etwas geben sollten, um den Schmerz zu lindern. In Turkmenistan reiche ein Krankenhausaufenthalt nicht immer aus, um eine Behandlung zu erhalten, sagt Kurbanov. Ärzte ignorieren Patienten routinemäßig und Krankenschwestern überprüfen sie nicht, es sei denn, jemand von oben ruft die richtigen Leute an. Das Krankenhaus war personell stark unterbesetzt, sodass eine Putzfrau Spritzen verabreichte, sagte er.

Nach 10 Tagen im Krankenhaus wurde er mit einer Rechnung über etwa 2.000 Dollar (ca. 1.700 Euro) für Medikamente und Bestechungsgelder entlassen - ein für turkmenische Begriffe astronomischer Betrag. 

Bisher 55 Corona-Tote identifiziert

Ausländische turkmenische Medien berichten über die dritte Infektionswelle, aber fast jeder im Land hat Angst zu sprechen. Die Website Turkmen.news konnte bisher 55 Menschen identifizieren, die seit Beginn der Pandemie an Covid-19 gestorben sind. Die turkmenischen Behörden geben keine Coronavirus-Fälle bekannt. Präsident Gurbanguly Berdymukhammedov, ein ehemaliger Zahnarzt, verwendet das Bild einer gesunden Nation als Kern der Staatspropaganda. Zuzugeben, dass das Land von der Pandemie betroffen ist, könnte die Legitimität seines Regimes untergraben.