Ein haushohes Plakat an einem Gerüst vor der Nürnberger SPD-Zentrale sorgt seit der Vorwoche für Aufsehen. Darauf zu sehen: Eine Porträtaufnahme von SPD-Bürgermeisterkandidat Nasser Ahmed, dazu ein Wahl-Slogan, der bei vielen für Kopfschütteln sorgt.
"Mein N-Wort ist Nürnberg" lautet der provokante Slogan. Laut Duden versteht man unter dem "N-Wort" gemeinhin eine "stark diskriminierende Bezeichnung für Menschen mit dunkler Hautfarbe". Was will Bürgermeisterkandidat Ahmed, der laut eigenen Angaben als Kind von Einwanderern aus dem ostafrikanischen Eritrea in Nürnberg auf die Welt gekommen ist, also damit sagen?
Mit dieser Frage konfrontierte ihn nun das deutsche Nachrichtenmagazin "Spiegel" in seiner Online-Ausgabe. Ahmed erklärt: "Es wird Sie nicht wundern, dass ich als schwarzer Politiker immer wieder das N-Wort an den Kopf geworfen bekomme. Ich habe gerade noch mal in meinem Postfach nachgesehen. Es ist leider fast täglich Realität für mich."
Er sehe das Plakat daher als eine Art "Reclaim"-Aktion, also eine bewusste Vereinnahmung des Begriffes "N-Wort" in einem anderen, selbstbestimmten Kontext. "Es gehe darum, das Wort von seiner rassistischen Verwendung zu entkoppeln", berichtet auch der Kölner Stadt-Anzeiger (KStA).
Damit stößt er aber, gelinde gesagt, auf gemischte Reaktionen. Manche verstehen und untersützten seinen Ansatz: "Ich bin schwarz, ich lebe in Nürnberg – und ich unterstütze das", kommentierte etwa eine Frau laut KStA unter das Video auf Instagram.
Andere verstehen bei der Umdeutung des "N-Wortes" keinen Spaß. Sein Kölner Parteikollege Christophe Twagiramungu, dessen familiäre Wurzeln in Ruanda liegen, schreibt in einem Kommentar, er wünsche Ahmed zwar viel Erfolg bei der Bürgermeisterwahl, doch halte er seine Wahlkampagne "gegenüber vielen Schwarzen Menschen leider unsensibel."
Er spreche ihm seine "persönlichen Rassismuserfahrungen" zwar nicht ab. "Die sind real." Aber das "N-Wort" sei "kein individuelles Symbol, das man für sich reklamieren kann, erst recht nicht im Wahlkampf. Es ist ein kollektives Gewaltwort mit einer langen Geschichte von Entmenschlichung".
Zwar sei Ahmed mit dieser Kampagne zweifellos gelungen, deutschlandweit Bekanntheit zu erreichen, merken auch Kritiker an. Dennoch dürfe "maximale Aufmerksamkeit" nicht das einzige Kriterium in der Politik sein. "Wenn man gezwungen ist, sich mehrfach zu rechtfertigen, ist die Kampagne vielleicht wirklich nicht so gut wie man ursprünglich gedacht hat", so eine weitere kritische Stimme in den Kommentaren.
Von der politischen Konkurrenz kamen eher zustimmende Reaktionen. "Nice" schrieb etwa FDP-Vorsitzender Martin Hagen unter das Video. Auf X schrieb er: "Dass woke 'Content Creator' und 'Aktivisten' sich darüber empören, demonstriert nur die abgrundtiefe Humorlosigkeit dieses Milieus." Paul Kamill Arzten von den Nürnberger Grünen hatte ebenfalls Neu-Interpretationen des "N-Wortes" parat: "Nasser, Nürnberg, Neustart".
Angesprochen auf die Kritik erklärt Ahmed, er "nehme das ernst". Gleichzeitig möchte er sich "nicht absprechen lassen, trotz all dieser Kritik, wie ich mich persönlich positioniere und wie ich mit meinen Erfahrungen umgehe."
"Leute behaupten, ich könne kein Nürnberger sein, einfach, weil ich schwarz bin", so Ahmed. Neben tausenden beleidigenden Kommentaren hätte er auch "eine Postkarte mit dem N-Wort und einer Drohung" zugeschickt bekommen, wie er dem "Spiegel" erzählte.
Die Botschaft des Plakates sei daher, "dass ich mich von Rechtsextremen nicht auf eine Identität festlegen lasse, sondern dass ich hier lebensbejahend und auch stolz sage: Meine Identität und meine Heimat ist Nürnberg. Für meine Stadt und die Menschen hier kämpfe ich."