Das Teilchen-Bombardement hat begonnen! Der heftigste Strahlung-Ausschlag in Jahrzehnten hat Montagnacht österreichischer Zeit die Erde erreicht – und selbst bei uns rote und grüne Polarlichter am Himmel erscheinen lassen (siehe Bildergalerie oben).
Ein Sonnenstrahlungssturm entsteht, wenn geladene Teilchen durch Prozesse an oder in der Nähe der Sonne beschleunigt werden und in ausreichender Menge auf die Erde treffen. Das derzeitige Ereignis geht auf einen Ausbruch Sonntagabend zurück. Die aktive Sonnen-Region 4341 hatte in einer starken koronalen Massenauswurf (Flare-Klasse X 1.9) Unmengen an Material von der Sonnenoberfläche in unsere Richtung geschleudert.
Inzwischen schießen die Messwerte auch auf den erdnahen Instrumenten der Weltraumwetter-Beobachter nach oben. Das Ereignis wurde bereits um 20 Uhr unter der zweithöchsten Warnstufe "S4" klassifiziert. "Stürme dieser Stärke sind sehr selten", berichten die Experten des SWPC – "und die Stärke nimmt weiter zu."
Schon jetzt ist es der heftigste Strahlungssturm in mehr als 20 Jahren. Zuletzt wurden solche Werte während der berüchtigten "Halloween-Stürme" Oktober 2003 verzeichnet. "Das ist ein historisches Ereignis", schreibt Polarlicht-Jäger Vincent Ledvina.
Die möglichen Auswirkungen der Strahlung beschränken sich hauptsächlich auf Flugrouten und Kurzwellen-Kommunikation in den Polarregionen. Die Weltraum-Beobachter haben deshalb auch entsprechende Warnungen an alle Fluglinien ausgegeben.
Die Strahlung ist aber nur der Vorbote, die Masse an geladenen Sonnen-Teilchen ist noch im Anflug! "Dieser Sonnensturm bewegt sich laut Modellen mit einer Geschwindigkeit von über 1400 km/s und könnte die Erde am 20. Jänner um 1 Uhr UTC (2 Uhr in Österreich) erreichen. Die meisten Weltraumwetteragenturen weltweit sind sich über diesen Zeitpunkt einig", berichtet Ledvina weiter.
Trifft das starke Magnetfeld eines koronalen Massenauswurfs (CME) auf das Magnetfeld der Erde, kann es – je nach Ausrichtung – zu extremen Turbulenzen kommen. Die schönste Folge eines solchen Geomagnetischen Sturms: tanzende Polarlichter!
Wo und wann die Aurora am Nachthimmel aufleuchtet, weiß noch niemand. Der passionierte Polarlicht-Jäger erklärt: "Es ist unmöglich, irgendwelche Vorhersagen zu treffen, da die eigentliche Ursache (der Sonnensturm) noch nicht einmal angekommen ist! Wir befinden uns in einer Art 'Warteposition' und beobachten die Auswirkungen unserer CME."
Sollten sich die Prognosen der Weltraumwetter-Experten – sie rechnen mit einem geomagnetischen Sturm der zweithöchsten Klasse G4 – bewahrheiten, könnte sich das Aurora-Band deutlich ausdehnen. Etwa in Höhe der Grenze der USA und Kanada (49. Breitengrad) würde sich das Farbenspektakel noch direkt über den Köpfen der Bewohner abspielen. Weiter südlich wäre das Polarlicht noch in Richtung nördlicher Horizont sichtbar.
Allerdings kann sich die Aurora durch die Turbulenzen auch kurzfristig deutlich verstärken und in Richtung Äquator ausdehnen. Selbst bis runter zum 45. Breitengrad – Norditalien, und damit auch in Österreich (Wien liegt am 48. Breitengrad) – könnte das Himmelsspektakel sichtbar werden.
So kam es auch tatsächlich. Ab 21.30 Uhr waren auf ersten Webcams im Alpenraum fotografische Polarlichter zu erspähen. Gut möglich, dass sich das Leuchten im weiteren Nachtverlauf noch weiter verstärkt.
Ein solch schwerer geomagnetischer Sturm kann auch unsere Technik auf dem Erdboden beeinflussen. So können in den Stromnetzen weitreichende Probleme bei der Spannungsregelung auftreten, was zu einem Shutdown durch die eingebauten Schutzsysteme führt. Die Folge wären großflächige Stromausfälle.
Auch Raumfahrzeuge können Probleme bekommen, selbst eine Neuausrichtung könnte in einigen Fällen notwendig werden. Kurzwellen-Funkausbreitung wird sporadisch gestört, Satellitennavigation für Stunden beeinträchtigt.