"Es sollte doch auch dort der gesunde Menschenverstand gelten, wo keine Schilder stehen", sagt Simon Feichter, Bergretter aus Alta Pusteria, im Gespräch mit dem "Corriere della Sera".
Was sich am Ostersonntag (5. April) am Pragser Wildsee in Südtirol abspielte, war dramatisch – und für die Einsatzkräfte kaum zu fassen. Zwei Geschwister wagten sich trotz bereits frühlingshafter Temperaturen auf die Eisfläche, als diese plötzlich nachgab. Die Jugendlichen brachen ein und stürzten in das eiskalte Wasser.
Sofort eilten ihr Vater sowie zwei weitere Personen zur Hilfe – doch auch sie gerieten in Lebensgefahr und brachen ebenfalls ein. Erst durch das schnelle Eingreifen anderer Anwesender konnten schließlich alle fünf Beteiligten aus dem See gezogen und ans Ufer gebracht werden. Die beiden Jugendlichen kamen mit einer leichten Unterkühlung davon und wurden zur weiteren Abklärung ins Krankenhaus nach Innichen gebracht.
Als die Bergretter eintrafen, waren die Verunglückten bereits gerettet. "Wir leisteten Erste Hilfe, wärmten sie mit Aluminium-Thermodecken und brachten sie zu den Rettungsfahrzeugen", schildert Feichter. Auch wenn es keine spektakuläre Rettungsaktion gewesen sei, betont er: "Die Gefahr für die Gesundheit war real." Drei der Geretteten mussten ins Spital eingeliefert werden.
Für großes Unverständnis sorgte jedoch ein anderes Detail: Trotz des Vorfalls hielten sich weiterhin zahlreiche Menschen auf der brüchigen Eisfläche auf. "Als wir am Unglücksort eintrafen, befanden sich noch immer hundert Menschen auf dem schmelzenden Eis", berichtet Feichter fassungslos. "Die Temperaturen sind hoch: Wenn Eis da ist, schmilzt es. Es ist wie eine Kugel Eis in der Sonne, aber das verstehen nicht alle."
Der Vorfall weckt zudem Erinnerungen an ähnliche Szenen vor einigen Jahren, als bereits mehrere Menschen in den beliebten Bergsee eingebrochen waren. Einsatzkräfte befürchten, dass sich solche gefährlichen Situationen mit steigenden Temperaturen häufen könnten.
Entsprechend eindringlich fällt auch der Appell der Bergrettung und des Landesfeuerwehrverbands Südtirol aus: Einheimische wie Touristen sollen die Eisflächen unbedingt meiden und Warnhinweise ernst nehmen. Denn ein Sturz ins eiskalte Wasser kann innerhalb kürzester Zeit lebensbedrohlich werden.
Strengere Vorschriften fordert Feichter dennoch nicht. "Ich glaube, wenn wir alles regulieren, landen wir in einem Regelwerk, in dem niemand mehr weiss, was zu tun ist", sagt er. Stattdessen setzt er auf Eigenverantwortung – und vermisst diese bei vielen: "Man muss nur logisch denken. Stattdessen sehen wir abgelenkte, ahnungslose Touristen."