"Zverev und Tagger!" Bei den Siegertipps für die US Open überrascht Stefan Koubek die geladenen Gäste auf der Rooftop-Bar Hans-Y unweit des Schweizergartens in Wien.
"Ich durfte als Profi einmal rein ins Arthur Ashe Stadium" erzählt Koubek. "Es rauscht in diesem Stadion, weil die Amis ständig Nachos und Chips essen. Viele Leute haben dort keine Ahnung von Tennis, die stehen auf und gehen mitten in den Ballwechseln. Da stoppt sie keine Security wie bei anderen Turnieren. Die US Open sind anders, sie sind laut."
Julian Knowle steht direkt neben Koubek und muss schmunzeln. Der Doppel-Spezialist gewann 2007 die US Open. Mit Koubek und Neo-Tennispensionist Dennis Novak wird er das vierte Grand-Slam-Turnier des Jahres bei Joyn und Puls 4 als Experte ab 30. August kommentieren.
Laut war Knowle als Tennisprofi nicht, laut will er hinter dem Mikro auch nicht sein. "Es geht mir nicht um Kritik. Ich will den Zusehern zeigen, wieso dieser Ball jetzt der bessere war. Ich möchte Tiefe hineinbringen."
Tiefe Einblicke hat der Gewinner von 15 ATP-Turnieren in das Team von Tennis-Juwel Lilli Tagger. "Ich kenne ihren Manager Alex Vittur sehr lange", erzählt Knowle "Heute". "Alex kam in Rom 2015 auf mich zu, bat mich mit einem 13-jährigen Buben zu spielen. Ich tat ihm den Gefallen und erschien mit offenen Schuhen."
Der Bub war Jannik Sinner. "Die Schuhbänder machte ich rasch zu. Nach 45 Minuten bat ich Jannik um ein gemeinsames Foto. Ich wusste, das wird einmal wertvoll. Er war außergewöhnlich – sein Mindset, die Konstanz in den Schlägen, das Auftreten. Zu Vittur sagte ich nur: 'Wenn du diesen Jungen nicht in die Top 10 bringst, hast du alles falsch gemacht.'"
Im "Big Apple" fehlt Sinner mit einer Knieverletzung. Die Ausgangslage ist offen wie nie: Koubek glaubt an den zweiten Major-Titel von Alexander Zverev nach den French Open. "Und auf einen Ami im Finale. Die spielen daheim noch besser."
Knowle tippt auf einen Triumph von Carlos Alcaraz, der nach der Handgelenkverletzung sein Comeback gibt. Auch Tagger traut er den großen Coup bereits zu. "Der Hype um sie ist gerechtfertigt, man sollte Lilli aber Zeit geben. Sie wird die Top 10 schaffen."
Ihr Manager Vittur bat Knowle auch bei Tagger um sein Urteil. "Lilli war 13 und mega. Ihr Spiel war noch etwas roh, aber mit dem Slice und der einhändigen Rückhand anders – das gefiel mir. Ihre Klasse war für mich aber nicht so klar erkennbar wie bei Jannik. Das lag auch daran, dass ich im Damen-Tennis nicht so viel Erfahrung hatte."
Vom italienischen Weg bei der Osttirolerin Tagger ist der bekennende Milan-Fan Knowle überzeugt: "Bei Lilli kommt auch die Menschlichkeit nicht zu kurz." Nachsatz: "Italien ist im Tennis das Maß der Dinge. Das war nicht immer so. Die Spieler galten als trainingsfaul, als Schönwetter-Spieler. Jannik brach das mit seiner Mentalität auf. Er ist nicht der typische Italiener wie Fognini, er hat auch eine österreichische Seite."
Als Knowle 2007 in New York seinen größten Sieg feierte, war er mit seinem Doppelpartner Simon Aspelin übrigens zerstritten. "Wir haben uns beim Turnier davor heftig gefetzt. Bei den US Open wollten wir unsere Zusammenarbeit nur mit Stil beenden, es wurde dann unsere sportliche Krönung."
Im österreichischen Tennis fehlt Knowle schon länger das Miteinander. "Die Italiener helfen sich gegenseitig, in Österreich vermisse ich das", sagt er. "Bei uns kamen die Besten alle aus privaten Projekten nach oben. Jeder macht sein Ding. Es würde trotzdem helfen, die Kräfte zu bündeln."