Die Lage in Syrien ist seit einigen Wochen wieder deutlich angespannter. Kräfte des Militärs sind in die kurdischen Gebiete im Norden eingedrungen, wo diese bislang weitestgehend Autonomie genossen. Einige Städte sowie wichtige Infrastruktur wurden vollständig eingenommen, kurdische Kämpfer der Miliz Demokratische Kräfte Syriens (SDF) vertrieben.
AFP-Reporter berichten von heftigem Beschuss in der Stadt Raqqa. Ausgerechnet dort liegt das al-Aqtan-Gefängnis, in dem rund 2.000 IS-Mitglieder inhaftiert sind. Wie das Kurdische Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit berichtet, soll die Anlage seit mehreren Tagen umstellt sein. Die SDF muss nun einerseits ein Eindringen der Angreifer sowie eine Flucht der Inhaftierten verhindern.
Von den USA zugesagte Unterstützung sei bislang noch nicht eingetroffen. Aus einem anderen Gefängnis in Shaddadi sind laut der Autonomen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien bereits 1.500 IS-Gefangene befreit worden. Das syrische Innenministerium spricht wiederum von 120 Geflohenen, von denen 80 bereits wieder gefasst wurden.
Auch das Gefängnis Xewran in Heseke, in dem nach Angaben der Selbstverwaltung etwa 5.000 IS-Angehörige inhaftiert sind, darunter auch Männer aus europäischen Staaten, werde derzeit angegriffen. Ein weiterer Ausbruch könne nicht ausgeschlossen werden.
Erste Verhandlungen zwischen kurdischen Kämpfern und der Zentralregierung in Damaskus sind nach Angaben kurdischer Vertreter abgebrochen worden. Die am Vortag in der Hauptstadt abgehaltenen Gespräche zwischen dem Anführer der kurdisch dominierten SDF, Maslum Abi, und Übergangsstaatschef Ahmed al-Scharaa seien "vollständig gescheitert", erklärte ein Vertreter der autonomen kurdischen Verwaltung in Syrien.
"Die einzige Forderung" der Zentralregierung sei die "bedingungslose Kapitulation" der Kurden, fügte er an. Die internationale Gemeinschaft rief der Kurdenvertreter "dringend" auf, eine "feste und entschlossene Haltung" an den Tag zu legen.
Wegen des Vormarschs der syrischen Armee haben sich die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) nach eigenen Angaben auch zum Rückzug aus dem berüchtigten Lager Al-Hol für Familien der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) im Nordosten Syriens gezwungen gesehen. Videos in Sozialen Medien zeigen, wie Einheiten der Regierungstruppen unter "Allahu akbar"-Rufen in das Lager fahren und von den Insassen bejubelt werden.
Die Streitkräfte hätten sich "aus dem Lager Al-Hol zurückziehen und sich in der Nähe von Städten im Norden Syriens neu positionieren müssen, die zunehmenden Risiken und Bedrohungen ausgesetzt sind", hieß es am Dienstag in einer Erklärung der SDF.