In der Formel 1 kämpfen selbst Teamkollegen gegeneinander. Mercedes-Teamchef Toto Wolff erklärt im Interview mit "The Athletic", warum das unvermeidbar ist und wo er eine klare Grenze zieht.
Für Wolff ist die Situation eindeutig. Fahrer im selben Team seien automatisch die härtesten Konkurrenten: "Meines Wissens gibt es keine Sportart, in der Teamkollegen nicht gleichzeitig die größten Rivalen sind." Der Grund ist simpel. Beide sitzen im gleichen Auto. Deshalb zählt vor allem der direkte Vergleich: "Deine Karriere hängt davon ab, deinen Teamkollegen zu schlagen." Etwas, das auch in der aktuellen Saison bei Mercedes erkennbar ist. George Russell steht unter Druck, obwohl er Zweiter in der Fahrerwertung ist. Der Grund: Sein Teamkollege Kimi Antonelli ist 19 Jahre alt und führt derzeit die WM an.
Viele Piloten definieren ihren Erfolg genau darüber. Selbst ohne Podium könne ein Rennen positiv sein, solange man vor dem Stallrivalen landet. Trotzdem gibt es für Wolff eine unmissverständliche Grenze. Seine wichtigste Vorgabe ist einfach formuliert: "Fahrt euch nicht gegenseitig ins Auto. Wir akzeptieren, dass sie gegeneinander fahren, solange sie gewisse rote Linien respektieren."
Wie ernst es ihm ist, zeigte Wolff bereits 2016. Damals geriet das Duell um den WM-Titel zwischen Nico Rosberg und Lewis Hamilton völlig außer Kontrolle. Mehrere teaminterne Kollisionen sorgten für Ärger. In Spanien schossen sich beide gleich in der ersten Runde ab. Wenige Wochen später kam es in Österreich im Kampf um den Sieg erneut zur Kollision.
Für Wolff war das zu viel. Er zog eine drastische Konsequenz: "Ich habe sie gefeuert." Beide Fahrer wurden vorübergehend aus dem Team genommen. Wolff wollte ein klares Signal senden. "Sonst verstehen sie nicht, wie wichtig das Team und die Marke über den eigenen Interessen sind."
Wolff macht auch deutlich, welche Verantwortung die Piloten tragen. Hinter dem Team stehen tausende Mitarbeiter, deren Existenz davon abhängt. Er machte ihnen das unmissverständlich klar: "Was glauben eigentlich die Leute in den Fabriken, die ihre Hypotheken abbezahlen müssen? Dass ihr euch gegenseitig abschießt, nur weil ihr euch nicht mögt? Das betrifft direkt das Leben von zweieinhalbtausend Menschen. Für wen haltet ihr euch eigentlich?"
Für Wolff ist genau dieses Verständnis entscheidend. Fahrer müssen wissen, dass ihr Verhalten weit über die Strecke hinaus Auswirkungen hat. Sein Grundprinzip bleibt dennoch bestehen. Er lässt seine Fahrer frei kämpfen: "Ich lasse euch fahren." Doch am Ende gilt immer dieselbe Regel. Der Erfolg des Teams steht über dem Ego der Fahrer.