Mit aller Kraft rissen und zerrten die wütenden Demonstranten an den überlebensgroßen Figuren, bis die "Giganten der Weltmeisterschaft" schließlich fielen. Entlang der berühmten Paseo de la Reforma sollten die fünf Meter hohen Statuen mitten im Herzen der Hauptstadt eigentlich die WM-Euphorie entfachen - stattdessen brannten ihre Trikots. Wenige Tage vor dem Eröffnungsspiel im legendären Aztekenstadion sind die Sorgen um die Sicherheit in Mexiko zurück.
Diesmal sorgen allerdings nicht Bandenkriege oder Drogen-Kartelle für Aufregung im Co-Gastgeberland, sondern protestierende Lehrer. Bereits bei ihrer Demonstration am Montag durchbrachen einige wütende Pädagogen die massiven Metall-Absperrungen, um auf den "Zócalo" genannten zentralen Platz vorzudringen, wo seit Tagen der Aufbau für das große Fanfest inklusive Mega-Leinwand läuft. Daraufhin setzte die Polizei Tränengas ein, die Protestierenden schossen Feuerwerkskörper auf die Einsatzkräfte ab. Die Zeitung "El Universal" berichtete, dass auch selbstgebaute Sprengkörper gezündet worden seien.
"Diese Veranstaltung muss abgesagt werden", forderte der Gewerkschaftsvertreter Filiberto Frausto gegenüber der Nachrichtenagentur AFP mit Blick auf das Fanfest, die Lehrer kämpfen für eine bessere Bezahlung und Sozialleistungen: "Unser Anliegen sollte viel wichtiger sein als ein bisschen Ablenkung und Spaß."
Ihrem Unmut verliehen die Demonstranten am Dienstag dann auch äußerst symbolträchtig Ausdruck. Mit Hilfe von Seilen stürzten sie einige der Fußballer-Statuen, die entlang der circa 15 Kilometer langen Prachtstraße Paseo de la Reforma aufgestellt worden waren und verbrannten teilweise deren Trikots. "Wenn es keine Lösung gibt, rollt der Ball nicht", war in roter Graffiti-Schrift auf einer der Figuren zu lesen.
Eine Fraktion der Lehrergewerkschaft CNTE drohte derweil damit, während der WM "Millionen" von Lehrkräften nach Mexiko-Stadt zu holen, falls die Regierung ihre Forderungen nach Gehaltserhöhungen und der Rücknahme von Rentengesetzen nicht erfüllt. Bereits 2025 hatte derselbe Flügel eine Protestwelle angeführt, die die Metropole lahmlegte, Straßen blockierte und sogar den Zugang zum Flughafen von Mexiko-Stadt zeitweise versperrte. "Wir werden diesen Kampf gewinnen, koste es, was es wolle", riefen die Demonstrierenden jetzt.
Für Mexiko und Staatspräsidentin Claudia Sheinbaum kommen die Proteste so kurz vor der WM zur Unzeit, schließlich hatte sich die chaotische Lage im Land nach dem Tod des Kartellbosses "El Mencho" zuletzt wieder normalisiert. Kein Wunder, dass Sheinbaum - wohl auch mit Blick auf das Eröffnungsspiel am 11. Juni zwischen Mexiko und Südafrika - den Lehrern entgegenkommen will. "Es gibt einige Forderungen, die über unsere Haushaltsmöglichkeiten hinausgehen", sagte sie, deutete jedoch an, dass andere umsetzbar seien. In einer Regierungserklärung wurde zudem zur Wiederaufnahme des Dialogs aufgerufen.
So oder so setzt Mexiko alles daran, dass die WM ein sicheres Spektakel wird. Rund 100.000 Einsatzkräfte in den drei Austragungsorten Mexiko‑Stadt, Guadalajara und Monterrey sowie in den Touristenhochburgen sollen für Sicherheit sorgen. Experten glauben, dass ausgerechnet auch die Kartelle an einer WM ohne Zwischenfälle interessiert sind - weil sie vom Tourismus profitieren. Es wird erwartet, dass die Nachfrage nach Drogen und sexuellen Dienstleistungen steigt, Haupteinnahmequellen der Kartelle. "Stabilität liegt also im Interesse der organisierten Kriminalität", sagte Victoria Dittmar vom Thinktank InSight Crime in Mexiko.