Visa, Mastercard & Co.

"Trump kann unsere Kreditkarten über Nacht sperren"

Beim Zahlen sind wir in Europa ziemlich abhängig von amerikanischen Firmen. Besonders Visa und Mastercard haben hier das Sagen.
25.01.2026, 21:01
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US-Präsident Donald Trump hat nach einem Gespräch mit dem NATO-Chef seine Pläne zur Übernahme von Grönland zwar auf Eis gelegt. Doch seine Drohungen in Richtung Zölle auf europäische Produkte sorgen weiterhin für Unruhe.

Wie 20 Minuten berichtet, forderte Aurore Lalucq, die Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses im EU-Parlament, am Mittwoch in einer Rede ein eigenes europäisches Zahlungssystem. "Trump kann uns den Zugang dazu sperren", warnte sie. Europa müsse dringend unabhängig werden, wenn es ums Bezahlen geht.

Amerikanische Karten in jeder Geldtasche

Fast jede Bankomat- oder Kreditkarte in Europa wird von Visa oder Mastercard herausgegeben. Lalucq warnt: Sollte es hart auf hart kommen, könnte das Weiße Haus die beiden US-Konzerne sogar zwingen, die Karten in Europa "über Nacht" zu deaktivieren. Das würde bedeuten: Niemand könnte mehr mit Karte zahlen – am Terminal würde schlicht "Karte abgelehnt" stehen.

Der Bankenprofessor Andreas Dietrich von der Hochschule Luzern zeigt gegenüber 20 Minuten Verständnis für diese Sorgen. Er erinnert an einen aktuellen Fall: 2024 wurde das E-Mail-Konto des Chefanklägers des Internationalen Strafgerichtshofs, Nicolas Guillou, von Microsoft gesperrt. Das hat eine breite Debatte über die digitale Unabhängigkeit Europas ausgelöst.

Guillou war ins Visier der USA geraten, nachdem er Haftbefehle gegen den israelischen Premierminister und den Verteidigungsminister ausgestellt hatte. Trump reagierte mit Sanktionen, darunter die Sperre des E-Mail-Kontos. Aus Angst vor weiteren US-Strafen wechselte der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag von der Microsoft-Cloud zu einer deutschen Softwarelösung.

Auch die Schweiz hat kein eigenes Kartensystem

Laut Dietrich haben die meisten europäischen Länder kein eigenes Kartenzahlungssystem und sind so direkt von Visa und Mastercard abhängig. "Wenn die USA diese für Europa sperren würden, wäre das eine ziemliche Einschränkung."

Die EU arbeitet derzeit am Projekt Digitaler Euro. "Die Idee ist, sich von der US-Abhängigkeit zu lösen", erklärt Dietrich. Auch wenn es rund um den digitalen Euro noch viele offene Fragen gibt, verfolgt das Projekt ein klares Ziel: Eine eigene europäische Zahlungsinfrastruktur zu schaffen, damit Europa beim Geldverkehr mitreden kann. "Denn zur digitalen Souveränität gehört auch der Zahlungsverkehr."

Sinnvoll auch, wenn alles ruhig ist

Solange alles ruhig ist, fällt die Abhängigkeit kaum auf. Doch wenn es einmal kracht, wird sie zum Problem. "Der Ausschluss russischer Banken aus SWIFT hat gezeigt, dass Zahlungssysteme ein geopolitisches Instrument sind", meint Dietrich.

Aber auch wenn kein Streit herrscht, ist ein eigenes System gescheit. "Es geht auch darum, wer das Geld verdient. Visa und Mastercard machen zwar einen guten Job, aber sie sind auch sehr profitabel." Früher gab es mit der "Eurocard" eine europäische Kreditkarte, gegründet von mehreren Banken vor 60 Jahren. Doch am Ende hat Mastercard den Konkurrenten übernommen.

Europa hängt auch sonst an den USA

Nicht nur beim Bezahlen, auch in anderen Bereichen ist Europa stark von den USA abhängig:  Besonders bei der Energieversorgung hat sich diese Abhängigkeit seit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs sogar noch verstärkt.

Im Bereich der Sicherheit und Verteidigung werden deshalb zunehmend Stimmen laut, die eine eigenständige europäische Armee fordern, um weniger auf die militärische Unterstützung aus Übersee angewiesen zu sein. Doch auch im Alltag ist der US-Einfluss groß: Bei Konsumgütern ebenso wie bei Dienstleistungen – etwa bei Cloud-Lösungen oder digitalen Plattformen – greifen viele Europäer ganz selbstverständlich auf Angebote amerikanischer Unternehmen zurück.

Während bei chinesischer Technik wie Huawei in Europa viel diskutiert wird, war das bei US-Produkten bisher selten der Fall. Doch jetzt beginnt auch hier ein Umdenken – oder wie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen beim WEF sagte: "Europa muss nun bereit sein, sich noch schneller zu verändern, noch unabhängiger zu werden, um seine eigene Zukunft zu sichern."

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