Wie aus dem Nichts hallten in der Nacht auf Sonntag gegen 2.30 Uhr plötzlich Schüsse durch ein Waldstück vor der Pferderennbahn in Aarau (Schweiz). Dort verlassen gerade hunderte Partygäste einen Rave. Eine 22-Jährige wird tödlich getroffen, sechs weitere Menschen werden verletzt. Der Schütze kann zunächst flüchten.
Bereits Montagfrüh zeigte der Fahndungsdruck Wirkung: Ein 43-jähriger Schweizer befinde sich als Tatverdächtiger in Haft. Man gehe von einem Einzeltäter aus. Mehr drang seither nicht nach außen.
Wie die Polizei dem Tatverdächtigen auf die Spur kam und was genau in der Tatnacht passierte verrieten Polizei und Staatsanwaltschaft erst an diesem Mittwoch, drei Tage nach dem Amoklauf.
Nach bisherigen Erkenntnissen fuhr der Mann in der Nacht auf Sonntag mit seinem Auto zu einem Parkplatz bei der Pferderennbahn. Von dort ging er zu Fuß in Richtung Festivalgelände und eröffnete von außerhalb mit einem Sturmgewehr vom Typ AK-74 das Feuer.
Mehr als 40 Mal soll er wahllos in die Menschenmenge geschossen haben. Zu diesem Zeitpunkt waren noch deutlich mehr als 100 Menschen vor Ort. Dabei wechselte der Schütze mehrfach seine Position und Schussrichtung.
Danach ging er zurück zum Parkplatz und feuerte mit einer Pistole weiter, unter anderem auf ein wegfahrendes Auto. Anschließend stieg er in seinen Wagen und verließ den Raum Aarau laut Polizei rasch in Richtung Kanton Jura. Die Ermittler stufen die Tat inzwischen ausdrücklich als Amok ein.
Während nach dem Schützen gefahndet wurde, gingen rund 80 Notrufe ein. Weil zunächst unklar war, ob sich der bewaffnete Täter noch auf dem Gelände befand, sicherten Polizisten die Gefahrenzone und leiteten auch die ersten lebensrettenden Maßnahmen ein.
Für die 22-jährige Maria S., die extra aus Italien zu der Party angereist war, kam jede Hilfe zu spät. Entsprechend groß ist die Anteilnahme an der tragischen Tat auch im südlichen Nachbarland.
Eine Zeugenaussage brachte die Ermittler auf ein mögliches Tatfahrzeug mit Jura-Kontrollschild. Zunächst kamen mehr als 100 Autos infrage. Durch die Auswertung von Videoaufnahmen konnte die Polizei die Zahl immer weiter eingrenzen.
Schließlich konzentrierten sich die Ermittlungen auf ein Fahrzeug, das sich nach der Tat von Aarau entfernt hatte und zum rekonstruierten Tatablauf passte. Gleichzeitig liefen bereits Abklärungen mit der Polizei im Kanton Jura.
Montagfrüh stellte sich der 43-Jährige in Delémont selbst der Polizei und gab an, die Tat begangen zu haben. Seine Selbststellung überschnitt sich laut Polizei mit den bereits laufenden Ermittlungen im Jura. Warum der Mann freiwillig zur Polizei ging, ist weiterhin unklar.
In seinem Auto fanden die Ermittler drei geladene und auf ihn registrierte Waffen: zwei Pistolen und eine AK-74. Erste forensische Untersuchungen erhärteten den Verdacht weiter. Hülsen vom Tatort stimmen laut Polizei mit der Kalaschnikow und einer der Pistolen überein.
Die Polizei geht inzwischen "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" davon aus, dass der 43-Jährige der Schütze war. Das Zwangsmassnahmengericht hat auf Antrag der Staatsanwaltschaft Untersuchungshaft angeordnet.
Alle drei Waffen waren legal auf den Mann registriert und vor rund 20 Jahren privat mit behördlicher Bewilligung erworben worden. Bei der AK-74 handelte es sich nicht um eine vollautomatische Waffe. Serienfeuer war damit nicht möglich, sie erlaubte aber rasches Einzelfeuer.
Der 43-Jährige hatte auch in der Schweizer Armee gedient. Er war als Truppenkoch ausgebildet worden und schied 2013 aus der Wehrpflicht aus. Seine damalige Dienstwaffe gab er zurück, die nun sichergestellten Waffen hatte er privat erworben.
Das große Rätsel bleibt das Motiv. Noch ist völlig unklar, warum der Mann aus dem Jura nach Aarau fuhr und ausgerechnet diesen Rave als Ziel auswählte. Bei seiner Einvernahme am Montag verweigerte der Beschuldigte weitgehend die Aussage.
Es gibt Anhaltspunkte für psychische Probleme, eine gesicherte Diagnose liegt laut Staatsanwaltschaft aber noch nicht vor. Hinweise auf einen extremistischen Hintergrund oder mögliche Mithelfer gibt es bisher ebenfalls nicht. Die Polizei geht von einem Einzeltäter aus.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt unter anderem wegen vorsätzlicher Tötung und Mord, jeweils teilweise versucht, sowie wegen Verstößen gegen das Waffengesetz. Warum der 43-Jährige aus dem Jura nach Aarau fuhr und dort wahllos auf Rave-Besucher schoss, bleibt drei Tage nach der Tat weiter völlig offen.