Er war die rot-weiß-rote Überraschung bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Tokio: Endiorass Kingley! Der 23-jährige Linzer sorgte Mitte September mit einer sensationellen Weite von 16,71 Metern im Dreisprung-Finale für Aufsehen und belegte den neunten Platz – ein persönlicher Meilenstein.
Der Athlet mit Schuhgröße 48,5 erinnert sich im Gespräch mit "Heute" begeistert an den Wettkampf: "Ich habe gewusst, dass ich gut drauf bin – aber dass es gleich so perfekt läuft, hätte ich nicht gedacht. Vor 60.000 Zuschauern zu springen, war einfach überragend. Die Stimmung – unbeschreiblich!" Dass "Endi", wie ihn alle nennen, in der Leichtathletik gelandet ist, war ein glücklicher Zufall.
Entdeckt wurde er nämlich erst im Jahr 2017, als er 15 Jahre alt war. Bei einem Lauf in Oberösterreich fiel er seinem heutigen Trainer und Mentor Roland Werthner ins Auge. Der erfahrene Coach, seit 2023 Präsident des oberösterreichischen Leichtathletik-Verbands, erinnert sich noch genau: "Ich habe einen groß gewachsenen Burschen mit fast 1,90 Meter gesehen und mir gedacht: Der könnte was werden."
Doch die Erfolgsgeschichte begann holprig. "Bei den ersten Trainings hatte ich ehrlich gesagt Zweifel, ob das was wird," erzählt Werthner schmunzelnd. "Bei einem 150-Meter-Lauf ist er nach 70 Metern einfach stehen geblieben – so etwas habe ich überhaupt noch nie erlebt."
Kingley blieb dran. In den Trainingslagern der TGW Zehnkampf-Union entdeckte er über seinen zweiten Trainer Georg Werthner, Olympia-Vierter im Zehnkampf 1980, seine Leidenschaft für den Dreisprung. Schritt für Schritt arbeitete er sich nach oben. Doch der Weg dorthin war alles andere als leicht. Aufgewachsen mit einer alleinerziehenden Mutter und zwei Geschwistern, musste Kingley früh Verantwortung übernehmen – und auch finanziell oft improvisieren.
Dass er erst ab November Heeressportler wird und somit einen Anspruch auf 14-mal 1.500 Euro im Monat hat, ärgert Georg Werthner: "Der ÖLV hat nicht besonders an ihn geglaubt. Er wurde von den Obrigkeiten dreimal abgelehnt. Es gibt jährlich 10 bis 12 Plätze, aber er wurde immer wieder übergangen, obwohl er bei den U20-Weltmeisterschaften 2021 in Tallinn und bei den Weltmeisterschaften in Nairobi die beste Platzierung der österreichischen Herren erreicht hatte."
Finanzielle Hilfe erhielt Kingley von seinen Trainern – den Werthner-Brüdern, die ihn aus eigener Tasche unterstützten. "Ohne die beiden hätte ich meine Karriere wohl schon beenden müssen", zeigt er sich dankbar.
Mittlerweile kann Kingley von seinem Sport leben. Durch Sponsoren und Preisgelder, die er in diesem Jahr bei Auftritten in der Diamond League in Zürich und Monaco verdiente, steht er heute deutlich besser da. Und auch sportlich setzte der Linzer heuer Ausrufezeichen: Neben dem starken neunten Platz bei der WM stellte er im Juni bei der Team-EM in Maribor mit 16,85 Metern einen neuen österreichischen Rekord im Dreisprung auf.
Auffällig: Beim WM-Finale war der Linzer mit seinen 23 Jahren der jüngste Starter im Feld. Selbst Weltmeister Pedro Pichardo zollte ihm Respekt: "Du bist die Zukunft."
Und die hat Kingley fest im Blick. "Mein Ziel ist die EM 2026 in Birmingham – dort will ich zu hundert Prozent performen", sagt er entschlossen. Doch der Youngster denkt schon weiter: Olympia 2028 in Los Angeles. Dann wird er 27 sein – im besten Alter für den großen Sprung. "Ich will eine Medaille holen. Dann haben wir alles erreicht, was wir wollten. Wir arbeiten jeden Tag dafür, dass ich bei Olympia nicht nur dabei bin, sondern auch etwas mit nach Hause nehme."
Ein realistisches Ziel, findet Trainer Roland Werthner: "Das ist ambitioniert, keine Frage. Aber wer ihn kennt, weiß, dass er das Zeug dazu hat." Noch müsse Kingley in Sachen Schnelligkeit und Kraft zulegen – "aber das ist absolut machbar", so Werthner.
Eine Olympia-Medaille? Es wäre dem Oberösterreicher jedoch zu gönnen, der ständig mit einem Lächeln im Gesicht beweist, dass es sich lohnt, dranzubleiben und hartnäckig an seinen Zielen zu arbeiten. Ein Weg, der ihn hoffentlich bis nach Los Angeles und noch weiter führen wird.