In Serbien steht ein politischer Umbruch bevor. Nach mehr als einem Jahrzehnt politischer Dominanz muss Präsident Aleksandar Vučić eine schwere Wahlniederlage hinnehmen. Die Studentenbewegung, die seit zwei Jahren gegen seine Regierung protestiert, dürfte künftig die Mehrheit im Parlament stellen.
Laut der Nachrichtenagentur AP räumte Vucic am Sonntagabend die Niederlage seiner Regierungspartei SNS ein. "Die Studentenliste hat gewonnen", erklärte er vor seinen Anhängern. Die Bewegung dürfte 135 bis 140 der insgesamt 250 Parlamentssitze erhalten. Auf die SNS entfallen voraussichtlich rund 105 Mandate.
Für die Niederlage machte Vucic unter anderem unabhängige Medien sowie eine angebliche Einmischung europäischer Staaten und eines "Deep State" in den USA verantwortlich.
Dank ihrer Mehrheit könnten die Studenten ohne Koalitionspartner regieren. Wer die Regierung führen soll, steht allerdings noch nicht fest. An der Spitze der Wahlliste steht der Kardiologe Ilija Srdanovic aus Novi Sad.
Die Bewegung hat keine klassische Parteiführung und trifft ihre Entscheidungen basisdemokratisch. Auf ihrer Liste stehen unter anderem Ärzte, Professoren, Architekten und Künstler, aber keine Berufspolitiker.
Auslöser der Bewegung war der Einsturz eines Bahnhofsvordachs in Novi Sad im November 2024. Dabei starben 16 Menschen. Studenten machten Korruption und Misswirtschaft für die Katastrophe verantwortlich.
Es folgten landesweite Demonstrationen, Universitätsbesetzungen und Straßenblockaden. 2025 forderte die Bewegung Neuwahlen. Nun will sie vor allem Korruption bekämpfen, den Rechtsstaat stärken und das Bildungs- und Gesundheitssystem reformieren.
Trotz der Wahlniederlage verfügt die SNS weiterhin über ein dichtes Netzwerk lokaler Organisationen und zahlreiche Stammwähler. Die neue Regierung steht deshalb vor großen Herausforderungen.
Sie will staatliche Institutionen aus politischer Abhängigkeit lösen und die Medienfreiheit stärken. Die Wahlbeteiligung von fast 70 Prozent zeigt, wie stark die Bevölkerung mobilisiert wurde.
Außenpolitisch ist die Richtung der Studentenbewegung noch unklar. Sie vereint sowohl proeuropäische als auch nationalkonservative Kräfte. Besonders bei den Beziehungen zu Russland und im Kosovo-Konflikt gehen die Meinungen auseinander.
Serbien ist bereits EU-Beitrittskandidat, doch Probleme mit der Rechtsstaatlichkeit und außenpolitische Konflikte bremsen den Prozess seit Jahren.
Laut Euronews begrüßten EU-Spitzenvertreter, darunter Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, den Wahlsieg und stellten Unterstützung bei Reformen in Aussicht. Ob Serbien künftig einen stärkeren EU-Kurs einschlägt, bleibt abzuwarten.