"Seit ich denken kann, wollte ich Mama sein, ich war immer das Mädchen, dass sich um die Puppen gekümmert hat", erinnert sich Cornelia Riegelnegg (34). Die Wahl-Wienerin hatte ein klassisches Bild im Kopf: "Erst heiraten, dann ein Haus und Kinder."
Bei einem Gynäkologen-Besuch mit 15 zerbrach für Riegelnegg eine Welt. Die Diagnose: prämature Ovarialinsuffizienz, frühzeitige Wechseljahre. Es handelt sich dabei um eine seltene Erkrankung, deren Ursache bis heute unklar ist. Frauen kommen in eine verfrühte Menopause, die Eierstöcke arbeiten nicht mehr richtig. "Mir wurde gesagt, ich könne nur sehr schwer bis gar nicht Kinder bekommen. Das war ein Knackpunkt in meinem Leben, an dem ich viel Stabilität verloren habe", sagt sie heute.
"Für den Arzt war das nicht verständlich, ich war erst 15, aber Mutter zu sein war immer mein Wunsch." Das Teenager-Alter wurde für die junge Frau zur Herausforderung, es folgten Hormontherapien die Beschäftigung mit der Diagnose. "Eine Phase, die Leichtigkeit haben sollte, wurde überschattet. Gott sei Dank hat mich meine Familie unterstützt."
Mit 25 lernte Riegelnegg einen Mann kennen, mit dem sie sich eine Familie hätte vorstellen können. "Ich habe ihm schon kurz nach dem Kennenlernen von meiner Diagnose erzählt. Er hat gut reagiert und gesagt, wir gehen den Weg gemeinsam und nehmen es wie es kommt. Aber auch bei ihm war ein Kinderwunsch da."
Aus heutiger Sicht, so Riegelnegg, sei sie damals naiv gewesen: "Ich dachte einfach, wir versuchen es natürlich. Man hört immer wieder von Wundern." Es folgte eine Zeit voller Arztbesuche, Bangen und Hoffen. "Das war belastend und auch teuer. Die Antwort war immer die gleiche: Wir können leider nichts für Sie tun", erinnert sich die 34-Jährige zurück. "Mit jedem Mal wird man verzweifelter und frustrierter. Man rennt etwas hinterher und kommt nie weiter."
Nach einem Jahr ohne Erfolg informierte sich das Paar schließlich in einer Kinderwunschklinik über eine Eizellenspende. "Ich war skeptisch, hatte das Gefühl, mein Mann bekommt ein Kind mit einer anderen Frau. Auch das Gefühl, etwas Fremdes in den Körper einzusetzen war seltsam. Aber der Arzt dort hat mich überzeugt", so die Pharmazeutin. Es folgten unzählige Untersuchungen, eine Spendersuche, die Eizellenentnahme und Befruchtung – stets mit Zittern und Angst im Nacken. "Ich habe immer das Gefühl gehabt, nur wenn es funktioniert, kann ich glücklich sein." Doch zwei Versuche scheiterten, Riegelnegg wurde nicht schwanger. Zudem wurde eine Entzündung im Bauchraum festgestellt.
"Für mich begann damals der Loslassprozess", weiß Riegelnegg heute. "Ich war körperlich und mental am Ende. Nach meiner Operation wären meine Chancen schwanger zu werden sogar höher gewesen, drei Eizellen waren noch da. Aber ich habe beschlossen, eine Pause zu machen." Sie habe sich moralisch und ethisch hinterfragt, so die junge Frau: "Mein Bauchgefühl sagte mir, ich gehe gegen die Natur vor. Eine Adoption kam für meinen Partner nicht in Frage, ich hatte auch keine Kraft mehr." Nachdem sie einen Podcast über unerfüllten Kinderwunsch gehört hatte, brach Riegelnegg weinend zusammen und erkannte für sich: "Ich möchte kein Kind mehr haben. Ich kann auch ohne Kind glücklich sein" Seitdem habe sie nie mehr zurückgeblickt.
Die Partnerschaft zerbrach – aus anderen Gründen, wie Riegelnegg betont. Sie zog aus der Steiermark nach Wien, lernte einen neuen Partner kennen, konzentrierte sich auf ihren Beruf. Bereut hat sie ihre Entscheidung nie: "In mir ist fundamental etwas passiert. Selbst wenn man mir jetzt sagen würde, ich könnte schwanger werden – der Wunsch ist nicht mehr da. Ich habe lange Zeit mit Warten und Kämpfen verbracht, jetzt bin ich an der Reihe. Die Liebe, die ich einem Kind gegeben hätte, gebe ich jetzt mir!"
Mittlerweile geht die Wienerin mit dem Thema auch bewusst an die Öffentlichkeit. "Ich habe gesellschaftlich immer großen Druck empfunden, Mutter werden zu müssen. Man hat mich ständig gefragt, warum ich keine Kinder habe – aber nie, ob ich glücklich bin", sagt sie. Sie habe sich mit dem Thema ein Leben lang alleine gefühlt, deshalb möchte sie anderen nun Mut machen. Auf ihren 'Kanälen – sie ist auf Instagram und Youtube aktiv – spricht sie als "Nelia Kinderlos" über ihre Kinderlosigkeit, ihre Geschichte und "wie das Leben ist, wenn man loslässt.
"Es ist ein schambehaftetes Thema und ich möchte einen Safe Space schaffen, in dem man sich verstanden und gesehen fühlt." Mittlerweile absolviert Riegelnegg auch eine Ausbildung zur Lebens- und Sozialberaterin.Immer wieder erhalte sie Nachrichten von Frauen, die sie durch die schwerste Phase ihres Lebens begleitet habe. "Das ist ein schönes Gefühl." Hasskommentare könne sie mittlerweile blockieren, schmunzelt die 34-Jährige.
"Unerfüllter Kinderwunsch wird in Österreich noch immer vor allem als Privatangelegenheit gesehen und nach wie vor tabuisiert", sagt Christina Fadler, Obfrau von "Die Fruchtbar – Verein Kinderwunsch Österreich. "Die psychischen Folgen bleiben oft unsichtbar. Die Daten zeigen aber klar, dass es auch um psychische Gesundheit geht. Wer über Monate oder Jahre mit Hoffnung, Enttäuschung, Scham und sozialem Druck lebt, braucht nicht nur medizinische Behandlung, sondern auch psychologische Begleitung und gesellschaftliches Verständnis."
Heute steht Cornelia Riegelnegg mitten im Leben, hat viele Ziele und Pläne: "Ich freue mich auf meine neue Berufung als Coach für ungewollt kinderlose Frauen und habe eine schöne Beziehung mit einem Partner, der bereits einen 18-jährigen Sohn und somit keinen weiteren Kinderwunsch mehr hat. Mein Leben ist schön, ich fühle mich wie an einer Schwelle von meinem vorherigen Leben zu einem Neuen. Ich glaube, es wartet viel. Wir wollen einiges erleben und unsere Freiheiten auskosten."