Der Semmering-Basistunnel ist eines der größten Bahnprojekte Österreichs – und seit Jahrzehnten auch ein Streitpunkt beim Umweltschutz. Kritiker befürchteten, dass die 27,3 Kilometer langen Tunnelröhren dem Berg große Wassermengen entziehen und dadurch den Grundwasserspiegel sinken lassen könnten.
Jetzt liefern Tausende Messungen neue Erkenntnisse. Der Tunnel verliert deutlich weniger Wasser als im schlimmsten Fall erwartet. Gleichzeitig zeigen die Daten, wie stark der Klimawandel die Semmeringregion bereits verändert hat.
Um die Auswirkungen des Tunnelbaus genau zu untersuchen, haben die ÖBB rund um das Milliardenprojekt 481 Messstellen und vier Klimastationen eingerichtet. Bis September 2026 fanden etwa 12.000 Messeinsätze statt. Dabei kontrollierten Fachleute unter anderem Grundwasserstände, Quellen, Niederschläge und Schneemengen.
Die Untersuchungen sollen zeigen, wie stark der Tunnelbau den Wasserhaushalt zwischen Gloggnitz in Niederösterreich und Mürzzuschlag in der Steiermark beeinflusst. Wie der "Kurier" berichtet, fallen die Auswirkungen nach Einschätzung der beteiligten Experten geringer aus als ursprünglich befürchtet.
Eine der größten Sorgen beim Tunnelbau war der mögliche Wasserverlust. Im Genehmigungsverfahren hatten Fachleute einen Höchstwert von 450 Litern pro Sekunde angenommen. Das wären knapp 39 Millionen Liter täglich.
Die tatsächliche Menge liegt nun bei rund 230 Litern pro Sekunde, also knapp 20 Millionen Litern pro Tag. Das ist zwar weiterhin eine enorme Wassermenge, aber nur ungefähr halb so viel wie im ursprünglich betrachteten Extremfall.
Beim Bau wurde deshalb großer Aufwand betrieben, um möglichst viel Wasser im Berg zu halten. Besonders schwierig war die Situation 2019, als Arbeiter bei Göstritz auf eine Wasserader stießen. Damals verzögerten aufwendige Sicherungsarbeiten den Tunnelvortrieb erheblich.
Besonders interessant sind die Erkenntnisse zum Grundwasser. Immer wieder wurde behauptet, der Semmering-Basistunnel sei für die sinkenden Grundwasserstände im Wiener Becken und in der Mitterdorfer Senke verantwortlich.
Die beteiligten Geohydrologen Gunnar Domberger und Gerhard Forstinger widersprechen dieser Darstellung. Der großräumige Rückgang des Grundwassers habe vor allem klimatische Ursachen und sei nicht auf den Tunnelbau zurückzuführen.
Allerdings blieb das Projekt nicht völlig ohne Folgen: In einzelnen, eng begrenzten Gebieten wie Raach und Aue versiegten Quellen. Diese Auswirkungen waren bereits im Genehmigungsverfahren berücksichtigt worden. Für die betroffenen Bereiche wurden Ersatzwasserleitungen gebaut.
Die Messungen zeigen auch, wie stark sich das Klima am Semmering verändert. In den 1990er-Jahren wurden jährlich noch rund 3,5 Meter Neuschnee registriert. Zuletzt waren es teilweise weniger als ein Meter. Trotz einzelner schneereicher Winter zeigt die langfristige Entwicklung deutlich nach unten.
Das hat direkte Folgen für die Wasserversorgung: Wenn im Winter weniger Schnee fällt, kann im Frühjahr auch weniger Schmelzwasser langsam in den Boden eindringen. "Der wichtigste Faktor für die Grundwassererneuerung ist die Schneeschmelze", erklärt Geohydrologe Gunnar Domberger.
Schnee wirkt wie ein natürlicher Wasserspeicher. Im Frühjahr gibt er sein Wasser über längere Zeit ab und hilft so, die Grundwasservorräte aufzufüllen. Bei steigenden Temperaturen fällt jedoch häufiger Regen statt Schnee. Dazu kommen längere Trockenperioden und eine stärkere Verdunstung.
Wie deutlich die Erwärmung ausfällt, zeigen die Temperaturdaten aus Reichenau an der Rax: Dort stieg die durchschnittliche Jahrestemperatur innerhalb von 150 Jahren von 7,5 auf 10,6 Grad. Das entspricht einem Plus von 3,1 Grad.
Ein Teil des Wassers, das aus dem Semmering-Basistunnel abgeleitet wird, soll künftig für die Bevölkerung genutzt werden. Die ÖBB haben dafür bereits beim Bau eine eigene Rohwasserleitung eingebaut. Über eine Strecke von 5,8 Kilometern werden rund 70 Liter sauberes Wasser pro Sekunde zum Tunnelportal nach Gloggnitz transportiert.
16 Gemeinden haben sich zu einem Wasserverband zusammengeschlossen und sich die Nutzungsrechte gesichert. Künftig soll das Wasser in die öffentliche Trinkwasserversorgung eingespeist werden. Damit könnte ein Teil des Tunnelwassers für die Region nutzbar gemacht werden, anstatt ungenutzt abzufließen.
Der 4,2 Milliarden Euro teure Semmering-Basistunnel soll Ende 2029 in Betrieb gehen. Die neue Verbindung wird den Bahnverkehr auf der Südstrecke deutlich beschleunigen.
Bis dahin bleibt die Überwachung des Wasserhaushalts wichtig. Die Bürgerinitiative Biss setzt sich dafür ein, dass besonders aussagekräftige Messstellen auch nach Abschluss der Bauarbeiten weiter Daten liefern.
Die bisherigen Ergebnisse zeigen zwei Entwicklungen: Der Tunnel beeinflusst den Wasserhaushalt örtlich, allerdings ist der befürchtete worst case definitiv nicht eingetreten. Gleichzeitig setzt der Klimawandel die gesamte Region durch weniger Schnee, höhere Temperaturen und sinkende Grundwasserstände zunehmend unter Druck.