200 Kilometer vor Wien

Akku-Fabrik ist "Tschernobyl der Orbán-Regierung"

Bisher geheim gehaltene Berichte über gesundheitsgefährdende Umweltbelastungen setzen die Regierung Orbán im Wahlkampf unter Druck.
Nick Wolfinger
12.02.2026, 15:06
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Nächste Eskalation im Umweltskandal um eine Akku-Fabrik des südkoreanischen Samsung-Konzerns in der ungarischen Stadt Göd. Während immer mehr Details zu den gesundheitlichen Folgen der Umweltverschmutzung bekannt werden, reagiert die zunehmend unter Druck stehende Orbán-Regierung mit Verleugnung und Anzeigen.

Skandal platzt in den Wahlkampf

Der Skandal kommt für die Regierung zur Unzeit. Vor der Parlamentswahl am 12. April hat die bürgerliche Tisza in Umfragen erstmals die rechtskonservative Fidesz von Langzeit-Premier Viktor Orbán überholt.

Bei einer Regierungs-Pressekonferenz wies Orbáns Kabinettschef Gergely Gulyás sämtliche Vorwürfe zurück: "Der Fall der Samsung-Fabrik in Göd ist ein Wahlkampf-Schwindel", behauptete er.

Schwermetalle 500-fach über Grenzwert

Auslöser der innenpolitischen Turbulenzen war ein bisher unveröffentlichter Geheimdienstbericht und Untersuchungen durch Gesundheits- und Arbeitsinspektorat, die Anfang der Woche von der Nachrichtenseite "Telex" zitiert wurden. Dabei werden schwere Vorwürfe sowohl gegen Samsung als auch die Regierung erhoben – "Heute" berichtete.

Demnach liegt in manchen Produktionshallen in Göd die Belastung mit Metallstäuben 200- bis zu 510-fach über dem zulässigen Arbeitsplatz-Grenzwert. Konkret geht es dabei um Nickel-Kobalt-Mangan-Staub – "ein giftiger Stoff, der bei Freisetzung tödliche Folgen haben kann", wie "Telex" schildert.

Mitarbeiter nicht ausreichend geschützt

Laut "Telex" habe es Samsung "versäumt, den krebserregenden Staub ordnungsgemäß abzusaugen und allen Arbeitern die notwendige Schutzausrüstung zur Verfügung zu stellen“. Die Regierung habe davon gewusst – aber nichts unternommen, so der schwere Vorwurf, der von der Opposition in der Hochphase des Wahlkampfs groß aufgegriffen wurde.

Das umstrittene Werk von Samsung SDI in Göd bei Budapest (Archiv)
Reuters

Samsung bestreitet die Vorwürfe und betonte in einer Reaktion gegenüber der ungarischen Nachrichtenagentur MTI, "sämtliche Umwelt- und Arbeitsschutzbestimmungen" einzuhalten. Die Medienberichte würden auf "falschen Daten" und "irreführenden Informationen" beruhen.

Lösungsmittel im Grundwasser

Dabei beruhen die Zahlen auf offiziellen Messungen und Untersuchungen. Laut Umweltinformationssystem OKIR stieß das Werk in Göd allein zwischen 2019 und 2022 88 Tonnen des hochgiftigen Lösungsmittels N-Methyl-2-pyrrolidon (NMP) aus, wie die Investigativ-Plattform atlatszo.hu aus den Datenreihen zitiert.

Der Stoff ist als reproduktionstoxisch eingestuft, und seine Inhalation stellt vor allem für Schwangere ein Risiko dar: Längere Belastung mit NMP kann zu Fehlgeburten oder Entwicklungsstörungen des Fötus führen.

Grundwasseruntersuchung in der Nähe des Samsung-Werkes in Göd (Ungarn) im April 2022 auf Betreiben der Bürgerinitiative Göd-ÉRT
godert.hu

Die giftige Substanz wurde längst auch im Grundwasser nachgewiesen – lag bei der letzten Untersuchung im April 2022 mit 12,4 – 17,8 µg/l (Mikrogramm pro Liter) aber noch (knapp) unter dem offiziell zulässigen Grenzwert von 20 µg/l. Anwohner berichteten laut ungarischen Medien von "schwarzem Staub" auf ihren Autos und Häusern. Laut Samsung handle es sich dabei jedoch um "harmlose" Graphit-Ablagerungen aus dem Rauch der Fabrik.

177 Arbeiter mit Schwermetallen belastet

Besonders brisant: Eine Behördenanfrage von atlatszo.hu ergab, dass in den Jahren 2021 und 2022 bei sieben verschiedenen Vorfällen bei 133 Personen eine erhöhte Belastung durch "krebserregende Schwermetalle" festgestellt wurde. 2023 waren es weitere 44 Beschäftigte, wie aus den im Vorjahr veröffentlichten Recherchen hervorgeht.

Konkret genannt wurden etwa "flüchtige organische Verbindungen (VOC) und andere Schadgase wie N-Methyl-2-pyrrolidon (NMP), die sowohl in der Luft als auch im Körper der Arbeiter nachweisbar waren, wie ungarische Medien aus Behördenunterlagen zitieren.

„Es ist schwer, das Ausmaß der Umwelt- und Menschengefährdung, die mit Wissen und aktiver Duldung der Regierung stattfand, in Worte zu fassen. Wir sprechen von schwersten Verbrechen, nicht nur seitens der Führungskräfte des umweltzerstörenden Großkonzerns, sondern auch seitens derjenigen, die geschworen haben, dem Land und der Gesellschaft zu dienen.“
Parlaments-Abgeordneter Bence Tordaiauf Facebook, 9. Februar 2026

2024 wurde Samsung SDI daher zwei Mal mit Geldstrafen über 10 Millionen Forint (26.300 Euro) belegt – der gesetzlich möglichen Höchststrafe. Dass die Strafen nicht höher sind wird von Kritikern ebenfalls der Orbán-Regierung vorgeworfen, die internationale Investoren über die Einhaltung von Arbeitsschutzvorschriften stelle. Zwei Mal musste das Werk bereits vorübergehend schließen, da ihm nach Beschwerden von NGOs die Betriebsgenehmigung entzogen worden war.

"Tschernobyl der Orbán-Regierung"

Drastische Worte für den Fall fand der unabhängige Parlaments-Abgeordnete Bence Tordai: "Samsung in Göd ist das Tschernobyl der Orbán-Regierung", betitelte er ein ausführliches Facebook-Posting zu der Causa in Anspielung auf die AKW-Katastrophe von 1986.

Es habe sich "herausgestellt", so der Oppositionelle, dass es sich bei der Umweltverschmutzung in Göd um eine "jahrelang andauernde vorsätzliche Vergiftung" und "eine wirklich beispiellose Serie von Straftaten" handle, so Tordai in seinem Facebook-Posting am Montag.

Jetzt hagelt es Anzeigen

Wie brisant die Enthüllungen für die ungarische Politik mitten im Wahlkampf sind, zeigen die Reaktionen. Am Donnerstag gab Ungarns Außenminister Peter Szijjarto bekannt, den Tisza-Vorsitzenden Péter Magyar wegen Verleumdung anzuzeigen. Magyar hatte Szijjarto zuvor vorgeworfen, bei einer Regierungs-Sitzung gegen die vorgeschlagene Schließung des Samsung-Werkes interveniert zu haben – aus Angst, Samsung würde das 8.000 Mitarbeiter zählende Werk in ein anderes Land verlegen.

Umgekehrt erstattete am Donnerstag auch der ehemalige Chef der rechtsextremen Jobbik, Gábor Vona, Anzeige bei der Staatsanwaltschaft im Komitat Pest. "Die Ermittlungen gegen das Samsung-Werk in Göd haben begonnen", gab er danach auf seiner Facebook-Seite bekannt. Er äußerte dabei auch den Verdacht auf Verstößen gegen Arbeitsschutzbestimmungen und "Amtsmissbrauch", berichtet index.hu.

Ob sich die Vorwürfe strafrechtlich erhärten, müssen nun die Behörden klären. Politisch jedoch dürfte die Causa die ungarische Regierung bis zur Wahl weiter begleiten.

{title && {title} } NW, {title && {title} } Akt. 12.02.2026, 15:11, 12.02.2026, 15:06
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