Verbrennungen, blaue Flecken und starke Schmerzen: Ljubisa Karović kämpft noch immer mit den Folgen des dramatischen Zwischenfalls an Bord eines Ryanair-Flugzeugs. Der 61-jährige Serbe saß auf Platz 11F, als nach einem Problem mit einem Triebwerk plötzlich das Fenster neben ihm zerbrach.
Der Vorfall ereignete sich am 10. Juli auf einem Flug von Thessaloniki nach Memmingen. Kurz nach dem Start musste die Boeing 737 umdrehen. Ein Triebwerk war ausgefallen, gleichzeitig kam es zu einem plötzlichen Druckabfall in der Kabine.
Karović wurde dabei teilweise aus dem Flugzeug gerissen. Rund zwei Minuten lang soll sich die Hälfte seines Körpers außerhalb der Maschine befunden haben. Das Flugzeug war zu diesem Zeitpunkt laut seinen Angaben rund 600 km/h schnell und befand sich in mehr als 5.000 Metern Höhe.
An viele Details kann sich der Unternehmer nicht mehr erinnern. Ein Geräusch verfolgt ihn jedoch bis heute. "An die Explosion erinnere ich mich", sagt Karović in Interviews dem britischen ITV und dem "Guardian". "Es war das Geräusch vor dem Chaos. Genau dieses Geräusch höre ich immer wieder, wenn ich die Augen schließe und einschlafen will."
Der zweifache Vater wurde erst am 17. Juli nach einer Woche aus dem Spital entlassen. Er trägt eine Halskrause und leidet weiterhin unter Schmerzen im Kopf- und Nackenbereich. Dazu kommen Verbrennungen und Blutergüsse am rechten Arm, unter der Achsel und auf der Brust.
"Ich kann kaum hinausgehen. Alles stört mich", erzählt der 61-Jährige. "Psychisch bin ich zerstört. Das alles hat mein Leben massiv verändert. Jedes Mal, wenn ich das Geräusch eines Flugzeugs höre, bekomme ich Angst."
Dass er noch lebt, ist für Karović reines Glück gewesen: "Vielleicht war es der Sicherheitsgurt. Vielleicht war es aber auch Schicksal. Ich glaube an Gott und danke ihm jeden Tag."
Andere Passagiere berichteten ihm später, dass er zweimal bewusstlos geworden sei. Auch sein Gesicht sei wegen des Drucks und des starken Luftstroms kurzfristig angeschwollen und verformt gewesen.
Gerettet wurde Karović von seiner Ehefrau Svetlana und mehreren Mitreisenden. Seine Frau saß drei Reihen hinter ihm auf einem Gangplatz: "Ich bin sofort zu ihm gelaufen. Niemand von der Besatzung hat geholfen. Es waren die Passagiere, die uns unterstützt haben", sagt sie.
Besonders ein Mann habe entscheidend eingegriffen. "Ich glaube, er war Albaner. Er war unglaublich. Er hat alles getan, um meinen Mann wieder hineinzuziehen." Anschließend habe der Helfer versucht, das zerstörte Fenster abzudichten.
Zuerst habe er eine Tasche verwendet, die sofort aus der Maschine gesaugt worden sei. Danach habe er es mit einem Koffer versucht. "Der Koffer hat funktioniert. Wir werden diesem Mann für immer dankbar sein", sagt Svetlana.
Der Betroffene und seine Frau erheben über ihren Anwalt, der selbst an Bord des Flugs gewesen war, gegen Ryanair schwere Vorwürfe.
Die Piloten hätten dagegen richtig reagiert. "Sie haben die Sicherheitsvorgaben eingehalten und die Situation sehr gut bewältigt", erklärt der Anwalt, doch die Flugbegleiter hätten jedoch nicht eingegriffen. "Zu keinem Zeitpunkt bot die Kabinenbesatzung ihre Hilfe an. Sie waren vor Angst wie gelähmt. Die anderen Passagiere mussten sich organisieren und Ljubisa Wasser geben."
Ryanair weist diese Darstellung zurück. Die Flugbegleiter hätten "hervorragende Arbeit" geleistet. Während des Druckabfalls und des raschen Sinkflugs hätten Passagiere und Besatzung angeschnallt bleiben und Sauerstoffmasken tragen müssen. Sobald das Flugzeug eine sichere Höhe erreicht habe, hätten sich die Flugbegleiter um den Verletzten gekümmert. Auch ein Arzt an Bord sei bis zur Landung bei ihm geblieben.
Experten untersuchen nun, wie es zu dem Triebwerksproblem und dem zerbrochenen Fenster kommen konnte. Gleichzeitig zeichnet sich ein harter Rechtsstreit um eine mögliche Entschädigung ab.
Karović erholt sich derzeit in einem gemieteten Haus nahe Thessaloniki. Mindestens sechs Wochen lang muss er eine Halskrause tragen. Danach soll entschieden werden, ob eine Operation notwendig ist.
In ein Flugzeug möchte der 61-Jährige jedenfalls vorerst nicht mehr steigen. Seine Botschaft an all jene, die es tun: "Schnallt euch immer an – das ist meine Botschaft an alle. Ich möchte nicht, dass jemand das durchmachen muss, was mir passiert ist."