Mitten in Wien stinkt es plötzlich wie auf einer öffentlichen Toilette. Am Karlsplatz rümpfen Passanten angewidert die Nase, in anderen Bezirken zieht der üble Kanalgeruch sogar bis in die Wohnungen. Immer mehr Wiener haben die Nase voll. Jetzt bestätigt Wien Kanal gegenüber "Heute": "Die Anzahl der Meldungen zu diesem Thema hat in den letzten Monaten deutlich zugenommen."
Auch am Montagnachmittag war der Gestank am Karlsplatz wieder deutlich wahrnehmbar. Das Problem beschränkt sich längst nicht nur auf die Innenstadt. Auf der Internetplattform Reddit berichteten zuletzt Bewohner der Leopoldstadt und des Alsergrunds von besonders penetrantem Kanalgeruch.
Einer der Hauptgründe für den üblen Geruch liegt laut Wien Kanal beim Wetter. Wien erlebte den heißesten Sommer seit Beginn der Messungen vor 260 Jahren. Dazu kam deutlich weniger Regen als üblich. "Lange Hitze- und Trockenperioden können Geruchsprobleme in der Kanalisation begünstigen", erklärt Wien Kanal gegenüber "Heute". Die Trockenheit setzt sich allerdings auch im Herbst fort – die Stink-Wahrscheinlichkeit bleibt also hoch.
Normalerweise sorgt Regen dafür, dass die Kanalisation regelmäßig durchgespült wird. Bleiben größere Niederschläge aus, können sich Schmutzstoffe und Ablagerungen leichter ansammeln.
Doch was verursacht eigentlich den üblen Geruch? "Für den typischen Kanalgeruch ist vor allem Schwefelwasserstoff verantwortlich", erklärt Wien Kanal. Das Gas entsteht beim Abbau organischer Stoffe durch Bakterien. "Unter sauerstoffarmen Bedingungen nutzen diese Bakterien Schwefelverbindungen für ihren Stoffwechsel und scheiden Schwefelwasserstoff aus. Den riecht man dann."
Hohe Temperaturen und ungünstige Wetterbedingungen können zusätzlich dazu beitragen, dass der Gestank aus den Kanälen bis auf die Straßen dringt.
Auch ein gut gemeinter Trend kann das Problem verschärfen: "Wassersparende Armaturen und reduzierte WC-Spülungen führen dazu, dass das Abwasser weniger stark verdünnt wird", erklärt Wien Kanal. Dadurch steigt der Anteil an Schmutzstoffen – der Gestank wird verstärkt.
Dazu kommt ein weiteres Problem: die Belüftung. Rund 50.000 Kanalgitter sorgen in Wien normalerweise für den Luftaustausch im unterirdischen Netz. Doch bei wenig Wind oder ungünstigen Temperaturverhältnissen funktioniert diese Durchlüftung schlechter.
"Die wirksamste Maßnahme ist daher weiterhin das Spülen der betroffenen Kanalabschnitte", heißt es von Wien Kanal. Bei Bedarf rücken Hochdruckspülfahrzeuge aus. Sie lösen Ablagerungen und transportieren den Schmutz mit größeren Wassermengen weiter.
Bei einem Kanalnetz von rund 2.500 Kilometern ist das allerdings keine kleine Aufgabe. Die zunehmenden Beschwerden stellen Wien Kanal vor zusätzliche Herausforderungen.