Cyber-Schock in Niederösterreich! Die Gemeinde Reichenau an der Rax ist Opfer eines massiven Hackerangriffs geworden. Die Täter sollen rund 37 Gigabyte an Daten erbeutet und im Internet veröffentlicht haben. Darunter befinden sich Namen, Wohnadressen, Ausweisnummern und höchst sensible Gesundheitsinformationen.
Besonders brisant: Auch Daten von Hunderten Minderjährigen sind betroffen. IT-Sicherheitsexperten warnen nun vor Identitätsdiebstahl, gefälschten Zahlungsaufforderungen und gezielten Betrugsversuchen.
Hinter dem Angriff steht laut vorliegenden Informationen die international aktive Ransomware-Gruppe SafePay. Bereits am 8. September kündigten die Cyberkriminellen auf ihrer Seite im Tor-Netzwerk die Veröffentlichung gestohlener Gemeindedaten an. Am 10. Oktober sollen sie ihre Drohung wahr gemacht haben.
Wie die "Krone" unter Berufung auf eine Untersuchung des IT-Unternehmens RisikoMonitor berichtet, konnte die Sicherheitsfirma 96,4 Prozent der abgeflossenen Daten sichern und analysieren.
Besonders schwer wiegt ein Auszug aus dem Zentralen Melderegister vom 11. Mai 2026. Darin finden sich persönliche Angaben zu 4.171 gemeldeten Personen – darunter 2.396 mit Hauptwohnsitz und 1.775 mit Nebenwohnsitz in der Gemeinde.
Gespeichert sind unter anderem Namen, Geburtsdaten, Geburtsorte, Wohnadressen, Familienstand und Staatsangehörigkeit. Bei 397 Menschen sollen sogar Reisepass- oder Personalausweisnummern enthalten sein.
Der Datensatz umfasst laut Analyse außerdem Informationen zum Religionsbekenntnis von 3.202 Personen. Unter den erfassten Menschen befinden sich 407 Minderjährige.
Daneben sollen Unterlagen aus der Lohnverrechnung, Personalakten, Bewerbungen, Bankverbindungen sowie Schüler- und Lehrerlisten der örtlichen Musikschule abgeflossen sein.
Besonders heikel sind die ebenfalls enthaltenen Gesundheits-, Pflege- und Sozialunterlagen. Solche Informationen lassen sich nach einer Veröffentlichung nicht einfach austauschen wie ein Passwort oder eine Bankverbindung.
Insgesamt identifizierte RisikoMonitor nach eigenen Angaben 8.498 verschiedene Namen mit einer Anschrift oder E-Mail-Adresse in dem Datenbestand. Die Unterlagen stammen aus unterschiedlichen Verwaltungsbereichen und können auch frühere Beschäftigte oder andere Kontaktpersonen enthalten.
Die Kombination der veröffentlichten Informationen könnte Betrügern besonders glaubwürdige Täuschungsversuche ermöglichen. Wer beispielsweise weiß, wo jemand wohnt, wann die Person geboren wurde und welche Gebühren bei der Gemeinde offen sind, könnte sich bei Anrufen oder E-Mails als Behördenmitarbeiter ausgeben.
Auch gefälschte Zahlungsaufforderungen mit angeblich neuen Bankverbindungen sind denkbar. RisikoMonitor-Chef Manuel Löw-Beer warnt deshalb vor dem Ausmaß des Datenabflusses. Besonders problematisch sei, dass offenbar nicht nur einzelne Dokumente, sondern große Teile der kommunalen Verwaltung betroffen sind.
Aus der Gemeinde heißt es, der Cyberangriff sei bereits Ende Juli aufgefallen. Danach habe man rasch reagiert und betroffene Computersysteme gemeinsam mit externen IT-Spezialisten vom Netz genommen beziehungsweise neu eingerichtet.
Laut Amtsleiter-Stellvertreter Philipp Stummer wurden keine Daten verschlüsselt. Der Betrieb des Gemeindeamts sei bis auf eine kurze Unterbrechung aufrechterhalten worden. Außerdem seien die Polizei eingeschaltet, Anzeige erstattet und die österreichische Datenschutzbehörde informiert worden.
Aktuelle und ehemalige Gemeindebedienstete sowie politische Funktionsträger habe man schriftlich verständigt. Das Verfahren bei der Datenschutzbehörde sei inzwischen eingestellt worden.
Die Gemeinde verweist darauf, dass sich bislang niemand gemeldet habe, dem durch den Vorfall ein konkreter Schaden entstanden sei. Welche einzelnen Dateien tatsächlich betroffen sind, lasse sich technisch nicht abschließend feststellen. Auch die Veröffentlichung der Daten werde noch geprüft.
RisikoMonitor kritisiert den Umgang innerhalb der Gemeinde scharf: Bedienstete und Mandatare seien über die Causa informiert worden, "nicht aber die Eltern von 407 Minderjährigen und die Menschen, deren Gesundheits- und Pflegedaten veröffentlicht sind", so Löw-Beer. Es überrasche deshalb kaum, dass es bislang keine Schadensmeldungen gibt: "Die Bürger wissen nichts davon."
IT-Sicherheitsexperten raten Menschen mit Bezug zur Gemeinde Reichenau an der Rax zu besonderer Vorsicht. Zahlungsaufforderungen, insbesondere bei neuen oder geänderten Bankverbindungen, sollten nicht ungeprüft bezahlt werden. Im Zweifel empfiehlt sich eine Rückfrage beim Gemeindeamt über eine selbst recherchierte Telefonnummer.
Bei verdächtigen Anrufen angeblicher Bank-, Behörden- oder Gemeindemitarbeiter sollten Betroffene auflegen und selbst die offizielle Stelle kontaktieren. Wer Ausweisdaten bei der Gemeinde hinterlegt hat, sollte zudem Kontoauszüge und verdächtige Vertragsunterlagen genauer kontrollieren.
Eltern wird geraten, ihre Kinder darauf vorzubereiten, dass fremde Personen möglicherweise Namen, Adressen oder Informationen über ihre Schule kennen. Auch Gemeindebedienstete und frühere Bewerber sollten Passwörter ändern, falls sie diese bei anderen Diensten ebenfalls verwenden.
SafePay ist eine international aktive Ransomware-Gruppe, die seit 2024 in Erscheinung tritt. Die Täter dringen in fremde Computernetzwerke ein, stehlen vertrauliche Informationen und versuchen anschließend, die Opfer zu erpressen.
Wird kein Lösegeld bezahlt, drohen sie mit der Veröffentlichung der Daten. Gestohlene Informationen können auch später noch für Betrugsversuche missbraucht werden. Wie die Angreifer in das Netzwerk von Reichenau an der Rax gelangten, ist bisher nicht geklärt.
Für die Betroffenen bedeutet der Vorfall jedenfalls ein langfristiges Risiko: Einmal veröffentlichte persönliche Daten lassen sich kaum wieder vollständig aus dem Internet entfernen.