Es ist eine Zahl, die im Rathaus eigentlich Alarm auslösen müsste. In Wien versteht mittlerweile mehr als jedes zweite Kind beim Schuleintritt den Unterricht nicht ausreichend. Gemeint sind Schulanfänger, die dem Lehrer sprachlich nicht folgen können – ein Problem, das sich laut ÖVP seit Jahren zuspitzt, von der Stadtregierung aber ignoriert werde.
Beim Hintergrundgespräch im Rathausklub der Wiener Volkspartei präsentierten Wiens ÖVP-Chef Markus Figl und Bildungssprecher Harald Zierfuß aktuelle Zahlen. Demnach gelten 50,9 Prozent der Kinder in der 0. und 1. Schulstufe als sogenannte außerordentliche Schüler – sie verfügen nicht über ausreichende Deutschkenntnisse für den Regelunterricht.
Für Figl markieren diese Zahlen einen Wendepunkt – politisch wie gesellschaftlich. "Es darf nicht sein, dass mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler den Unterricht nicht versteht", sagte der Wiener ÖVP-Chef. Dass SPÖ und Neos trotz dieser Entwicklung weitermachten wie bisher, sei nicht mehr erklärbar.
Rund zwei Drittel der betroffenen Schulanfänger sind in Österreich geboren, der Großteil hat mindestens zwei Jahre einen Kindergarten besucht. Figl sprach daher von einem "hausgemachten Wiener Problem", das nicht länger ignoriert werden dürfe.
Die Folgen seien gravierend – nicht nur für die Kinder selbst, sondern auch für die Stadt. Fehlende Sprachkenntnisse bedeuteten weniger Chancen im Bildungssystem und später am Arbeitsmarkt. Figl formulierte das drastisch: Kinder ohne ausreichendes Deutsch seien, "hart gesagt, die Mindestsicherungsbezieher von morgen".
Zierfuß verwies auf den Vergleich der vergangenen fünf Jahre unter der rot-pinken Stadtregierung. 2020 lag der Anteil der Schulanfänger mit mangelnden Deutschkenntnissen noch bei rund 41 Prozent, heute seien es über 50 Prozent. "Nach fünf Jahren Rot-Pink ist keine einzige Kennzahl besser geworden. Alles ist schlechter geworden", kritisiert der ÖVP-Bildungssprecher.
SPÖ und Neos hätten diese Zahlen seit Jahren gekannt, aber nicht gegengesteuert. Besonders drastisch sei die Situation in einzelnen Bezirken. In Margareten etwa könnten 76,6 Prozent der Schulanfänger dem Unterricht nicht ausreichend folgen.
Wie sich das im Schulalltag auswirkt, schilderte Zierfuß anhand eines Beispiels: "In einer durchschnittlichen Klasse mit 22 Kindern verstehen oft nur fünf Kinder den Lehrer – 17 nicht." Unter diesen Bedingungen sei regulärer Unterricht kaum möglich. Lehrer würden zu reinen Sprachvermittlern, leistungsstarke Kinder würden ausgebremst. Verantwortlich dafür sei nicht das Schulpersonal, sondern die fehlende Steuerung durch die Stadt.
Besonders scharf kritisierte die ÖVP die Deutschförderung im Kindergarten, die in der Verantwortung der Stadt Wien liegt. Bei vierjährigen Kindern verbesserten sich die Kenntnisse innerhalb eines Jahres nur um 9,6 Prozent, bei Fünfjährigen waren 18,3 Prozent messbar. "Die Stadt misst selbst, dass ihre Deutschförderung de facto nicht funktioniert", sagte Zierfuß. Hinzu komme, dass nicht alle Kinder mit festgestelltem Förderbedarf tatsächlich Unterstützung erhalten. Rund ein Drittel bekomme keine gezielte Deutschförderung.
Die Verantwortung sieht die ÖVP eindeutig bei SPÖ und Neos. Die Deutschförderung im Kindergarten sei Länderkompetenz, Wien habe seit Jahren alle Möglichkeiten gehabt, gegenzusteuern. "Die Zeit haben wir nicht, noch ein paar Jahre zuzuwarten. Rot-Pink hatte genug Zeit – passiert ist zu wenig", sagte Figl.
Wenn jetzt nicht gehandelt werde, warnt der Wiener ÖVP-Chef, nehme man tausenden Kindern frühzeitig ihre Chancen: "Wir müssen den Kindern die Zukunft geben – und dafür braucht es jetzt Maßnahmen."