Drei Rechenzentren des russischen Technologiekonzerns Yandex sind innerhalb weniger Tage durch Drohnenangriffe beschädigt worden. Die Folgen reichen weit über das Unternehmen hinaus: Zahlungsdienste, Cloud-Speicher, Apps und Angebote anderer Firmen waren zeitweise nicht erreichbar. Wie groß die Schäden sind und wann alle Systeme wieder funktionieren, ist weiterhin unklar. Der erste Angriff traf in der Nacht auf den 8. Oktober einen Standort in Sassowo in der Region Rjasan, rund 300 Kilometer östlich von Moskau. Dort brach ein Feuer aus, der Betrieb wurde vollständig eingestellt.
Am 9. Oktober folgte ein Angriff auf ein Rechenzentrum in Kaluga. Mehrere Module fielen vollständig aus. In der Nacht auf den 11. Oktober wurde schließlich auch der Standort in Wladimir getroffen. Dort musste der Betrieb ebenfalls eingestellt werden. Verletzte meldete Yandex an den betroffenen Standorten nicht. Die Störungen betreffen zahlreiche Angebote, die in Russland zum Alltag gehören. Yandex betreibt unter anderem einen Suchdienst, einen Fahrdienst, einen Essenslieferdienst, Streamingangebote und einen Bezahldienst. Dazu kommt Yandex Cloud, über die andere Unternehmen digitale Dienste und Datenbanken betreiben.
Nach dem ersten Angriff waren unter anderem Cloud-Speicher, Yandex Disk und Yandex Dokumente nicht erreichbar, berichtet "NTV". Auch externe Angebote wie das Immobilienportal Cian waren betroffen. Später kam es zu Störungen bei Banken, der Bahn, Handelsketten und Medienseiten. Wie viele dieser Ausfälle tatsächlich auf den beschädigten Standort zurückgingen, ließ sich zunächst nicht eindeutig feststellen. Besonders gravierend waren die Folgen am 11. Oktober. Neben mehreren Apps fiel auch Yandex Pay aus. Nutzer berichteten von Problemen mit Überweisungen über das russische Schnellzahlungssystem SBP.
Die Angriffe treffen den Konzern nicht nur bei alltäglichen Internetdiensten. Im Rechenzentrum von Sassowo stehen zwei der drei Supercomputer, die Yandex für das Training seines Sprachmodells YandexGPT nutzt. Einer davon ist "Tscherwonenkis", der leistungsstärkste Supercomputer des Unternehmens. Ob die Maschinen den Angriff unbeschadet überstanden haben, ist bislang nicht bekannt. Der Ausfall ist auch deshalb problematisch, weil Russland durch westliche Sanktionen nur eingeschränkt auf internationale Technologieanbieter zurückgreifen kann.
Yandex gehört zu den wichtigsten Anbietern digitaler Infrastruktur im Land. Zur Jahresmitte zählte die Cloud-Sparte laut dem vorliegenden Bericht rund 64.000 Kunden, 36 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Um die Folgen abzufedern, soll Yandex mit Konkurrenten vereinbart haben, einzelne Kundendienste vorübergehend auf deren Infrastruktur zu verlagern. Wie viele Unternehmen davon betroffen sind und wie lange die Übergangslösungen benötigt werden, ist offen. Nach dem Angriff auf Sassowo verbreitete sich in sozialen Netzwerken die Behauptung, die Ukraine habe gezielt russische Botfarmen getroffen.
Belege für diese Darstellung gibt es bislang nicht. Weder die ukrainischen Behörden noch die Kanäle, die den Angriff zuerst meldeten, hätten den Schlag als Angriff auf Botfarmen beschrieben. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj stellte die Angriffe vielmehr in den Zusammenhang mit russischen Attacken auf ukrainische Rechenzentren. Als mögliches militärisches Ziel wurde auch das Werkzeugmaschinenwerk Sasta genannt, auf dessen Gelände sich der Standort in Sassowo befindet. Dass über Yandex Cloud auch Server für Desinformationsnetzwerke betrieben werden könnten, lässt sich nicht ausschließen.
Der Konzern kommuniziert die Schäden bislang vorsichtig. In einer Stellungnahme bezeichnete Yandex seine Rechenzentren als das "eiserne Herz" des Unternehmens und erklärte, die Infrastruktur werde weiterhin überprüft. Wann die beschädigten Anlagen wieder vollständig laufen, sei derzeit schwer abzuschätzen. Zusätzlich hat Yandex laut einem Bericht der russischen Wirtschaftszeitung RBK seine Vertragsbedingungen angepasst. Eine neue Klausel zur "höheren Gewalt" soll die Haftung bei Drohnenangriffen und Beschuss ausschließen. Das könnte für Cloud-Kunden relevant sein, die auf die Infrastruktur von Yandex angewiesen sind.
Wie lange der Wiederaufbau dauern wird, ist umstritten. In sozialen Netzwerken kursierten Berichte, wonach die Standorte nicht vor 2028 ersetzt werden könnten. Yandex selbst hat nach den vorliegenden Informationen jedoch keine solche Frist bestätigt. Andere Einschätzungen rechnen mit Wochen oder Monaten.
Seit Montag kehren erste Dienste schrittweise zurück, einzelne Funktionen bleiben jedoch eingeschränkt. Der Konzern arbeitet nach eigenen Angaben weiter daran, die Systeme wiederherzustellen. Ein Datum für den vollständigen Normalbetrieb gibt es nicht.