Volkswagen steht vor einem gewaltigen Umbau. Der deutsche Autoriese will weltweit Zehntausende Stellen streichen, seine Produktion deutlich zurückfahren und Milliarden investieren – gleichzeitig ist die Zukunft von vier deutschen Werken offen.
Besonders einschneidend sind die Pläne für die Beschäftigten. Weltweit sollen rund 50.000 weitere Arbeitsplätze wegfallen, auch Stellen im Management sind betroffen. Mit dem Personalabbau will der Konzern die Ziele seines Transformationsprogramms erreichen.
Wie sich die Einschnitte auf einzelne Marken, Länder und Standorte verteilen werden, ließ VW zunächst offen. Konzernchef Oliver Blume hatte bei Betriebsversammlungen zuletzt erklärt, dass er etwa die Hälfte des Anpassungsbedarfs in Deutschland sehe. Damals war allerdings noch von einer "Rechengröße" die Rede – nun ist der Stellenabbau Teil der Sparpläne, berichtet "Tagesschau".
Für zusätzliche Unsicherheit sorgt die Zukunft von vier Standorten. Der Aufsichtsrat nahm zur Kenntnis, dass Volkswagen in Europa über Produktionskapazitäten für rund 500.000 Fahrzeuge zu viel verfügt.
Betroffen sind die VW-Werke in Emden, Zwickau und Hannover sowie das Audi-Werk in Neckarsulm. Für diese Standorte könne derzeit keine wettbewerbsfähige Folgebelegung garantiert werden. Je nach Werk betrifft das die Zeit ab 2031 bis 2034.
Parallel sollen deshalb "alternative Verwendungsmöglichkeiten geprüft" werden. Eine Schließung der Standorte ist damit noch nicht beschlossen, ausgeschlossen ist sie allerdings ebenfalls nicht. Blume hatte Werksschließungen zuletzt wiederholt als letzte Option bezeichnet, die er verhindern wolle.
Diskutiert wird unter anderem, Fabriken zeitweise für die Rüstungsproduktion einzusetzen. Auch die Produktion chinesischer VW-Modelle in Deutschland steht im Raum.
An anderer Stelle gibt es hingegen Entwarnung. Nach Einschätzung von IG-Metall-Chefin Christiane Benner und Betriebsratschefin Daniela Cavallo ist eine Ausgliederung der Kernmarke Volkswagen Pkw sowie der VW-Komponente vom Tisch.
Damit sei auch ein Angriff auf die bestehenden Mitbestimmungsstrukturen abgewehrt worden. Benner und Cavallo sehen eine Eskalation verhindert, nehmen nun aber den Vorstand in die Pflicht.
Kritik gibt es an dessen bisherigem Vorgehen. "Der Konfrontationskurs und die Kommunikation des Vorstands in den vergangenen Wochen" seien nicht zielführend gewesen.
Auch bei der Zahl der produzierten Autos soll sich einiges ändern. Der gesamte Konzern soll künftig auf eine Jahresproduktion von neun Millionen Fahrzeugen ausgerichtet werden.
Das wären etwa eine Million Fahrzeuge weniger als derzeit und sogar drei Millionen weniger als vor der Corona-Pandemie.
Gleichzeitig verfolgt VW ambitionierte finanzielle Ziele. Bis 2030 soll die operative Umsatzrendite auf neun Prozent steigen. Zum Halbjahr waren es lediglich 3,8 Prozent.
Trotz des Sparkurses will Volkswagen weiter massiv investieren. Für die Jahre 2027 bis 2031 sind insgesamt 135 Milliarden Euro für Sachanlagen sowie Forschung und Entwicklung vorgesehen.
Autoexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management hält den eingeschlagenen Kurs allein nicht für ausreichend. "Einsparungen allein werden Volkswagen nicht retten", sagte er der Neuen Osnabrücker Zeitung.
Der Konzern müsse zwar "seine Kosten drastisch senken und das auch zügig". Vier mögliche Werksschließungen gehen Bratzel allerdings zu weit: "Zwei Standorte sollten reichen."
Neben niedrigeren Kosten brauche VW seiner Ansicht nach vor allem neue Wachstumsfelder. Bratzel nennt dabei autonomes Fahren und Robotik.
Der Konzern verfüge über "hervorragende Techniker und Ingenieure, da ist viel Potenzial". Volkswagen müsse deshalb mutiger auftreten und bereit sein, größere Risiken einzugehen. Ohne einen "riesigen Mindset-Change" sieht der Branchenexperte kaum Chancen, dass Volkswagen wieder wettbewerbsfähiger wird.