Der Fall sorgt für Aufregung: Seit Anfang des Jahres gibt es große Lieferschwierigkeiten beim Medikament "Kreon 25.000" in Österreich. Im März 2020 war dem Weinviertler Egon Englisch (81) die Bauchspeicheldrüse entfernt worden, seither ist er aus das Medikament angewiesen – "Heute" berichtete hier.
"Dieses Medikament verlängerte mir bis heute meine prognostizierte Lebenserwartung von damals einem Jahr, steigerte meine Lebensqualität immens. Dazu muss ich noch täglich 23 andere Medikamente einnehmen und vier Mal täglich Insulin spritzen", so Englisch.
Nur in Deutschland bekomme man "ein gleichwertiges Medikament namens 'Pankreatan', bestellbar nur über Bewilligung vom Hausarzt und der BVAEB". Zumindest das Präparat konnte sich Englisch besorgen: "Es reicht für ein Monat aus", sagte er zu "Heute".
"Das Medikament ist weltweit Mangelware, es wird alles getan, um so viel wie möglich zur Verfügung zu stellen", hieß es aus dem Büro von Gesundheitsstaatssekretärin Ulrike Königsberger-Ludwig zu "Heute".
Der geschilderte Fall zeigt, wie belastend Lieferengpässe für Patientinnen und Patienten sein können, heißt es seitens der Ärztinnen- und Ärztekammer für Niederösterreich auf "Heute"-Anfrage. "Besonders dann, wenn es sich um ein dauerhaft benötigtes Medikament wie Kreon bei exokriner Pankreasinsuffizienz handelt. Die Ärztinnen- und Ärztekammer für Niederösterreich nimmt solche Fälle sehr ernst."
Die aktuelle Lage bei Arzneimittelengpässen sei weiterhin angespannt: "Laut öffentlicher BASG-Datenbank waren zuletzt mehr als 500 Arzneimittel von Nichtverfügbarkeit oder eingeschränkter Verfügbarkeit betroffen. Gleichzeitig gilt: Ein Lieferengpass ist nicht automatisch mit einem flächendeckenden Versorgungsnotstand gleichzusetzen; entscheidend ist, ob gleichwertige Alternativen verfügbar sind. Gerade bei Präparaten mit wenigen oder keinen gleichwertigen Alternativen entsteht jedoch ein erheblicher Druck auf Patientinnen und Patienten, Ordinationen und Apotheken. Ärztinnen und Ärzte bemühen sich gemeinsam mit den Apotheken, im Einzelfall eine medizinisch vertretbare Lösung zu finden, z.B. durch wirkstoffgleiche oder wirkstoffähnliche Präparate, gegebenenfalls auch über bewilligte Importe."
Aus Sicht der ÄKNÖ brauche es strukturelle Maßnahmen: mehr Versorgungssicherheit, bessere Lagerhaltung, weniger Abhängigkeit von einzelnen Herstellern und Produktionsstandorten und Rahmenbedingungen, die Österreich als Markt für Arzneimittelhersteller nicht weiter schwächen. Die öffentliche Lieferengpass-Datenbank des BASG sei dabei eine wichtige Informationsquelle, "ersetzt aber nicht die politische Verantwortung, die Arzneimittelversorgung nachhaltig abzusichern".
Die Kurienobfrau der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte, Dr. Dagmar Fedra-Machacek – sie ist Fachärztin für Allgemein- und Familienmedizin mit einer Kassenordination in Perchtoldsdorf – sagt zu dem Fall: "Wenn ein Patient schreibt, dass ihm ein Medikament Lebensqualität und Lebenszeit schenkt, zeigt das die Tragweite solcher Engpässe. Für viele Betroffene bedeutet jede Lieferunterbrechung eine große Verunsicherung. Auch wir niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte setzen gemeinsam mit den Apotheken alles daran, die Therapie aufrechtzuerhalten."
Und weiter: "Nicht zu unterschätzen ist dabei der erhebliche administrative Mehraufwand, den Lieferengpässe in Ordinationen verursachen: Müssen in Österreich frei verschreibbare Medikamente aufgrund von Lieferschwierigkeiten aus dem Ausland bezogen werden, sind dafür zusätzliche Bewilligungen erforderlich. Das bindet wertvolle Zeit in den Ordinationen, die eigentlich unseren Patientinnen und Patienten zugutekommen sollte. Langfristig braucht Österreich daher eine Arzneimittelpolitik, die die Versorgungssicherheit wieder stärker in den Mittelpunkt stellt."
Seitens der Apothekerkammer heißt es dazu: Apotheken seien "das letzte Glied in der Kette, bevor die Bevölkerung versorgt wird. Auf die Produktion, Lagerung, Distribution und Lieferung der Medikamente hat die Apothekerschaft leider keinen Einfluss. Die Apotheken werden mehrmals täglich, je nach Bedarf, vom pharmazeutischen Großhandel beliefert. Hat dieser keine Ware mehr, weil z.B. ein Hersteller nicht produzieren oder nachliefern kann, gelangt das betreffende Medikament auch nicht in die Apotheke". Und: "Die Apothekerschaft "leidet" unter Lieferengpässen ebenso wie die Patientinnen und Patienten."