Wer derzeit durch Parks spaziert, hört es deutlich: Meisen, Amseln, Spatzen und Mönchsgrasmücken zwitschern schon seit Tagen um die Wette. Trotz eines heuer langen Winters ist in vielen Stadtgebieten längst Frühlingsstimmung angesagt. Für zahlreiche Vogelarten hat die Brutsaison bereits begonnen.
Der Grund liegt im Klimawandel. Städte wirken im Sommer wie im Winter als Wärmeinseln, hier steigen die Temperaturen früher und stärker als im Umland. Im Vergleich zu vor 50 Jahren brüten viele Vogelarten, die hier überwintern, mittlerweile um rund eine Woche früher.
"Vögel, die im städtischen Raum leben, beginnen deutlich früher mit der Balz und der Paarung", erklärt Ornithologe Richard Zink von der Veterinärmedizinischen Universität zum ORF. Die Erderwärmung verändert also nicht nur Temperaturen - sondern auch den Takt, nach dem unsere heimischen Vögel leben.
Ein früher Brutbeginn bringt klare Vorteile. Erfahrene Tiere legen ihre Eier möglichst zeitig, weil ihre Jungen dann bessere Überlebenschancen haben. Steigen die Temperaturen im Frühling rasch an, entwickeln sich Parasiten besonders gut.
Später geschlüpfte Küken sind einer deutlich höheren Belastung ausgesetzt. Diese Parasiten saugen Blut und können Jungvögel so sehr schwächen, dass sie noch im Nest sterben.
Auch bei Projekten wie der Wiederansiedlung des Habichtskauzes zeigt sich dieser Effekt. Zwischen dem Schlüpfen der ersten und der letzten Küken liegen rund eineinhalb Monate. Wer später schlüpft, ist oft stärker von Parasiten betroffen.
Dazu kommt: Früh ausgeflogene Jungvögel haben mehr Zeit, sich auf den ersten Winter vorzubereiten und eigene Reviere zu besetzen. "Je früher ein Jungvogel ausfliegen kann, desto besser sind in der Regel seine Lebenserwartungen", so Zink.
Im Vorteil sind sogenannte Stand- und Strichvögel. Sie bleiben im Winter hier oder ziehen nur kurze Strecken Richtung Mittelmeer. Dadurch können sie rasch auf Wetteränderungen reagieren. Langstreckenzieher hingegen orientieren sich am Stand der Sonne und können ihre Rückkehr weniger flexibel anpassen.
Manche Singvögel lassen ihre Balzgesänge deshalb immer öfter schon im Jänner oder Februar erklingen. Das Risiko eines späten Wintereinbruchs nehmen sie in Kauf. Denn wer früher startet, verschafft seinem Nachwuchs meist den entscheidenden Vorsprung.