Wirtshaus-Revival in Höflein

"Leute kommen zam" – Familie rettet Dorf-Gasthaus

Roland Zipfelmayer wollte seine Pension genießen, doch dann hatte er mit seinem Sohn die Idee, ein altes Wirtshaus neu zu beleben – mit Erfolg.
Aram Ghadimi
27.01.2026, 05:15
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Wer in den kleinen niederösterreichischen Ort Höflein (Bruck a. d. Leitha) mit seinen 1.200 Einwohnern kommt, fühlt sich in die Vergangenheit zurückversetzt. Der traditionelle Weinort inmitten des Arbesthaler Hügellandes ist ein typisches pannonisches Straßendorf: Die lang gezogenen, einstöckigen Hauser schließen aneinander an, die meisten haben nur ein Stockwerk – so auch das Dorfgasthaus "Am Spitz", das so heißt, weil es im spitzen Winkel zwischen zwei Straßen liegt.

Diesem Charme erlagen auch Roland Zipfelmayer und dessen Sohn Fabian. Wie sie gegenüber dem "Kurier" sagten, zog sie genau diese Stimmung sofort in den Bann. Der Ältere von beiden war schon in Pension, als die beiden 2023 eine folgenreiche Entscheidung treffen: "Das wär’ zum Abschluss genau meins", zitiert der "Kurier" Zipfelmayer.

Wer durch die Eingangstüre des Dorfgasthauses schreitet, steht sogleich auf historischem Boden, einem Holzboden, der knarrt, als würde das Haus selbst erzählen wollen, was es schon alles erlebt hat. Dann steht da ein eiserner Ofen, der hier in den 1930er-Jahren seinen Platz fand. Alte Fotografien von Feuerwehrmännern zieren die Wände – man spürt sofort, dass der Ort Geschichte hat.

Das Dorfgasthaus "Am Spitz" in Höflein ist ein wahres Relikt. Immer seltener werden solche Orte.
zVg

Familienbetrieb seit 2023

Vor zwei Jahren, im Oktober, ist es dann so weit: Feuerwehrstiefel stapfen wieder über die Dielen, denn die Zipfelmayers haben ihren Plan in die Tat umgesetzt und tatsächlich aufgesperrt. Sie seien heilfroh, dass sie sich nicht von Unternehmensberater-Sprüchen einschüchtern ließen, so sagt es der Senior. Denn, nicht alle, denen sie von ihren Plänen erzählten, glaubten an die Vision, ein Dorfgasthaus wiederzubeleben: "Mein Sohn Fabian ist heute der Betreiber und ich helfe, wo ich kann."

Wechselhafte Geschichte

In den letzten 100 Jahren hatte das Gebäude unterschiedlichste Funktionen: So war es schon Gemeindearrest, Feuerwehr-Vereinslokal und sogar Fleischbank. Wechselnde Pächter – darunter einer, der gleich wieder hinschmiss, weil ausgerechnet sein erster Kirchtag komplett verregnet war und die Gäste ausblieben – gaben dem Lokal seine Aura.

Auch der ehemalige Stall, der zur Liegenschaft zählt, war früher mehr als ein Wirtschaftsgebäude: Immer wieder wurden dort Reisende untergebracht – Pfannenflicker, Scherenschleifer und sogenannte "Reitermacher", wie durchziehende Roma früher in Pannonien genannt wurden (Reiter waren Getreidesiebe).

Abenteurer und "ewiger" Urlauber

Roland Zipfelmayers Lebenslauf liest sich ebenfalls abenteuerlich: Sein Vater arbeitete als Bühnenbildner für den berühmten, aber NS-belasteten Zauberer Kalanag, seine Mutter war Tänzerin. Als Kind wuchs er in Berlin auf, inskribierte später in Bielefeld Jus. Dann wurde es wild: Weil er nicht zur Bundeswehr wollte, flüchtete er, lebte in Damaskus und half dort einem Freund in einer Autowerkstatt.

Und auch später in Wien habe man ihn als Doppelstaatsbürger fürs Bundesheer einziehen wollen – also ging es zurück nach Westberlin, wo es aufgrund der speziellen Situation keine Wehrpflicht gab. Später verbrachte er einen Urlaub am Neusiedler See, der aber offiziell nie zu Ende gegangen ist, denn Zipfelmayer "blieb hängen", führte in Podersdorf das "Café Royal", später die "Seejungfrau" in Jois, bis er schließlich in Pension ging.

Der 69-Jährige ist ein alter Haudegen, hat die halbe Welt bereist und mal hier, mal da, mitgeholfen, serviert, gekocht – in Frankreich, Las Vegas oder der Dominikanischen Republik. "Den guten, karibischen Rum habe ich dann nach Berlin gebracht", erzählt er im "Heute"-Interview: "Ich bin seit 50 Jahren in der Gastronomie tätig. Wie das meine Frau geschafft hat, weiß ich nicht – wir haben fünf Kinder und ich war viel unterwegs."

Wirtshaus wie früher, trotz Auflagen

Der Dorfwirt in Höflein sei vier Jahre geschlossen gewesen, bis die Gemeinde das Lokal kaufte und zur Pacht ausschrieb. "Immer mehr geschichtsträchtige Gasthäuser verschwinden", holt der Endsechziger aus: "Die heutigen Behördenauflagen bereiten Kopfzerbrechen hoch drei. Trotzdem habe ich mich gefragt: Was kann man daraus machen?"

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"Ist nur den Höfleinern zu verdanken"

2026 ist das Dorfgasthaus "Am Spitz" ein Wirtshaus wie früher. "Der Erfolg ist aber nur den Höfleinern zu verdanken", die am Anfang nach einem Nebenzimmer gefragt hätten, statt "vorn" rund um den Ofen und die gesellige Schank Platz zu nehmen, erzählt Zipfelmayer: "Mittlerweile fragt keiner mehr danach."

Pensionisten, Winzer in Arbeitskleidung und am Sonntag die Kirchgäste – das gesamte Dorfleben hat hier einen Platz gefunden, zumal auch ein Saal bespielt werden kann: So etwa jeden Montag beim "Line Dance", wo sich, wie beim "Oldies Abend" oder beim Bingo, Uno und Kaffeekränzchen ältere Semester einfinden. Alle 14 Tage kommen die Jagdhornbläser. Ob beim Feuerwehrball oder bei Geburtstagen, "Am Spitz" kommen wieder die "Leut zam".

Das, nicht nur wegen der geselligen Atmosphäre. Die gebackene Leber soll bereits über Höflein hinaus bekannt sein – das passt auch hervorragend zur Weinkarte, die nicht nur gut sortiert, sondern Flaschen aus Region sowie dem Burgenland umfasst. Auch der Wein aus Höflein lässt sich gut trinken.

"Kabarett will keiner verpassen"

Das weiß auch Fabian Zipfelmayer, der vor allem die Abende stemmt, was heißen kann "Betrieb von in der Früh bis ... Ende". Das kulinarische Aushängeschild ist ein Klassiker der Wirtshausküche, der aber mit Show-Effekt präsentiert wird: "Unser Zwiebelrostbraten kommt nicht einfach so auf den Teller – sondern flambiert."

"Meine Kinder wollte ich eigentlich vor der Gastronomie bewahren", lacht Roland Zipfelmayer, während er an diesem Montag auch von seiner Tochter Svenja unterstützt wird. Es gibt immer viel zu tun. Es herrscht geselliger Lärm in der Gaststube: "Vorn, das Kabarett will keiner verpassen."

{title && {title} } agh, {title && {title} } 27.01.2026, 05:15
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