Die 51-Jährige reiste im April allein in die Türkei, um sich einer Schönheitsoperation zu unterziehen. Seither wartet ihre Familie vergeblich auf den Autopsie- und Polizeibericht. "Wir haben irgendwann angefangen, jeden Tag beim Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (Anm. kurz EDA) anzurufen", erzählt ihre Tochter gegenüber "20 Minuten".
Doch nicht nur das EDA wird kontaktiert. Auch eine Klinik für plastische Chirurgie in Istanbul, das Hotel und die Schweizer Botschaft in der Türkei bekommen Anfragen von der 22-jährigen Tochter. Der Grund: Bis heute fehlen entscheidende Informationen zum Tod der Mutter. Wie "20 Minuten" berichtet, ist die Familie ratlos und sucht verzweifelt nach Klarheit.
Mitte April flog die Frau nach Istanbul. "Offiziell, um ihre Brustimplantate erneuern zu lassen", sagt ihr Partner. Tatsächlich hatte sie sich aber für ein Facelifting entschieden. "Ich nehme an, sie wollte es mir nicht sagen, weil sie wusste, dass ich dagegen war." Sie reiste allein, mit 5.000 Franken (rund 5.300 Euro) in bar und einem von einer Agentur organisierten Rundum-Paket, das Flüge, Transfers und Fahrten zur Klinik beinhaltete. Vor Ort lief aber nicht alles wie geplant.
Nach der OP schrieb sie ihrem Partner, rief ihn sogar an. "Sie wirkte panisch. Ich musste ihr helfen, sich mit Atemübungen zu beruhigen." Zurück im Hotel folgten seltsame Nachrichten. "Ich habe verstanden, dass sie einen Verband über den Augen hatte, der manchmal blutete." Danach blieben Anrufe und Nachrichten unbeantwortet. "Ohne Informationen stellt man sich alles Mögliche vor", schildert die Familie gegenüber "20 Minuten".
Zwei Tage später dann der Schock: Die Polizei aus dem Kanton Waadt steht bei den Großeltern vor der Tür, wo die Tochter lebt. Doch Klarheit bekommen sie keine. Die junge Frau beginnt selbst zu recherchieren: "Ich kontaktiere zuerst die Klinik, die mir nicht antwortet, dann das Hotel, das mich an die Agentur verweist."
Ein vorhandener Polizeibericht ist lückenhaft. "Wir wissen weder, wo sie tot aufgefunden wurde, noch wie. Der türkische Bericht spricht von einem möglichen Suizid, die Sterbeurkunde nennt eine unbekannte Todesursache, und das Bestattungsunternehmen hat uns stark davon abgeraten, sie noch einmal zu sehen – so entstellt sei ihr Gesicht gewesen", berichtet die Tochter. Kein Dokument belegt die Narkose, die Medikamente oder die Nachbetreuung nach dem Eingriff.
Die Familie weiß bis heute nicht, wie die Ermittlungen stehen. Aus Verzweiflung wenden sich die Angehörigen ans EDA. "Ohne das EDA hätte ich die wenigen Dokumente, die die Klinik schlussendlich geschickt hat, wohl nie bekommen", sagt die Tochter. Das EDA kann aber nur schriftliche Anfragen an die Behörden des Landes stellen, in dem der Todesfall passiert ist.
Stirbt eine Schweizer Staatsbürgerin im Ausland, sind laut EDA "die lokalen Behörden für die Untersuchung der Umstände und der Todesursache zuständig". Diese übermitteln die Dokumente in der Regel an die Schweizer Vertretung. Doch laut "20min.ch" ist es in manchen Ländern schwierig oder sogar unmöglich, eine Sterbeurkunde, einen Polizeibericht oder ein Autopsieprotokoll zu bekommen. In der Türkei dauert es laut den konsularischen Behörden mindestens acht Monate, bis ein Autopsiebericht ausgestellt wird – oft sogar länger. Die Familie soll sich im Dezember nochmals an die türkischen Behörden wenden.
"Man empfiehlt uns nun, einen Anwalt vor Ort zu beauftragen", erzählt die Tochter gegenüber "20 Minuten". "Aber dafür fehlt uns das Geld. Die Rückführung des Leichnams hat schon 6.000 Franken gekostet, das haben meine Großeltern bezahlt." Die Familie bedauert, bei den Bestattungsdiensten in der Schweiz nicht auf eine zweite Untersuchung gedrängt zu haben. "Mehrere haben uns gesagt, dass sie keine zweite Autopsie machen, weil der Nutzen durch die bereits erfolgten Eingriffe am Körper stark eingeschränkt sei."
Die Angehörigen wollen vor allem eines: Antworten. "Wenn es einen medizinischen Fehler gab, wenn sie eine Embolie hatte oder ein Problem mit der Medikamenteneinnahme – dann sollen sie es uns sagen. Aber ohne Informationen kann man sich alles Mögliche vorstellen." Ihr Partner ist überzeugt: "Sie hatte Ferien gebucht. Ich glaube nicht an die These des Suizids", heißt es in dem Bericht weiter.
Solange sie keine Klarheit haben, fällt es der Familie schwer, Abschied zu nehmen. Auch die Tochter sucht nach einem Sinn in dem Ganzen. "In den sozialen Netzwerken machen Influencerinnen Werbung für Kliniken in der Türkei, in Tunesien. Ich kenne Frauen in meinem Alter, die dorthin reisen."
Die Tochter will auf die Gefahren von Operationen im Ausland aufmerksam machen – und auf die Folgen für die Familien. Ohnmächtig, aber kämpferisch, hofft sie, dass sich andere Betroffene bei ihr melden: "Ich hoffe, dass sich Menschen mit ähnlichen Erfahrungen bei mir melden."