Europas Gasspeicher sind so schlecht gefüllt wie seit Jahren nicht mehr. Trotzdem rechnet Energieexperte Walter Boltz für den kommenden Winter nach derzeitigem Stand nicht mit wahrscheinlichen tatsächlichen Versorgungsengpässen. Teurer dürfte Gas aber sehr wohl werden – auch für Haushalte.
"Ein großer Teil der Flüssiggastransporte durch die Straße von Hormus" sei gestoppt, sagte Boltz. Gleichzeitig habe Europa im ersten Halbjahr seine Speicher "aus verschiedenen kommerziellen Gründen nur sehr zögerlich gefüllt".
Nun müsse deutlich mehr Gas eingespeichert werden, um bei einem kalten Winter keine gröberen Probleme zu bekommen. Boltz formulierte es so: "Jetzt sind wir in einer Situation, dass wir deutlich mehr Gas einspeichern müssten, um bei einem kalten Winter nicht gröbere Probleme zu bekommen."
Im ORF beruhigte der frühere E-Control-Chef: "Es wird nach menschlichem Ermessen keine physischen Engpässe [im kommenden Winter] geben, dazu ist der Speicherstand inzwischen hoch genug und der globale Flüssiggasmarkt robust genug."
Entwarnung bei der Versorgung heißt für Boltz aber keineswegs Entwarnung bei den Kosten. "Aber aus heutiger Sicht muss man mit deutlich teureren Gaspreisen rechnen", warnte er. Am Großhandelsmarkt lägen die Preise bereits "doppelt so hoch" wie vor einem Dreivierteljahr.
Bei den Haushaltskunden schlagen höhere Großhandelspreise laut Boltz erst verzögert durch. Der Zeitraum liege bei sechs bis neun Monaten. "Die Lieferanten decken sich mittelfristig mit Gas ein für ihre Kunden", erklärte er.
Das Gas, das jetzt und in den kommenden drei bis vier Monaten verkauft werde, sei "zu einem Großteil schon vor sechs bis neun Monaten eingekauft worden". Deshalb sollten die Preise vorerst "noch nicht wesentlich teurer werden".
Sobald die Gasmengen aber zum aktuellen Preis eingekauft werden müssen, würden auch die Kundenpreise steigen. Für den kommenden Winter erwartet Boltz daher "wahrscheinlich keine extremen Preissprünge", hält aber "durchaus 30 bis 40 Prozent" für möglich.
Langfristig sieht der Experte kaum Spielraum nach unten. "Im Jahr 2027 müssen die Lieferanten ihre hohen Preise schrittweise weitergeben", sagte Boltz. Das bedeute "sicher teureres Gas". Kunden müssten sich wieder genauer informieren, wo es die günstigsten Bedingungen gebe. Sein Fazit: "Aber: Es wird sicher nicht günstiger."
Ein Restrisiko bei der Versorgung bleibt aus seiner Sicht trotzdem bestehen. Bei einem sehr kalten Winter könne es gegen Ende der Heizperiode zu physischer Knappheit kommen. Das sei "nicht wahrscheinlich, aber auch nicht ausgeschlossen", so Boltz. Eigentlich sollten solche Entwicklungen rechtzeitig abgefangen werden, "aber das ist heuer leider nicht passiert".
Eine Rückkehr zu russischem Gas sieht der Experte nicht als Lösung. Auf die Frage, ob die Aufkündigung des OMV-Gazprom-Vertrags Ende 2024 ein Fehler gewesen sei, verwies Boltz auf die politische Rolle der russischen Lieferungen. Diese hätten sich als unzuverlässig erwiesen, Russland habe das Gasgeschäft stark politisiert.
"Die würden zum erstbesten Zeitpunkt, wenn sie das Gefühl haben, wir befinden uns in einer schlechten Situation, die Gaslieferungen wieder als politisches Druckmittel verwenden", sagte Boltz. Deshalb sei es gut, ohne Russland auszukommen. Europa müsse aber "ein wenig mehr Weitsicht zeigen als das heuer der Fall war".
Grund für die angespannte Lage ist laut Boltz nicht nur die Situation in Europa, sondern auch der Druck auf den internationalen Energiemärkten. "Die globalen Speicher für Erdöl und Erdölprodukte sind deutlich reduziert", erklärte er. Sollte es bei den Transporten durch die Straße von Hormus keine deutliche Verbesserung geben, könnten um den Jahreswechsel herum global Engpässe bei einzelnen Ölprodukten entstehen.
Diese müssten Europa nicht zwingend direkt treffen. Boltz geht aber davon aus, dass sich die Folgen auch hierzulande bemerkbar machen: Sie würden "auch bei uns mit sehr hohen Preisen durchschlagen".
Zusätzlich verschärft sich die Lage auf wichtigen Seewegen. dpa und Reuters berichten unter Berufung auf Augenzeugenberichte und jemenitische Militärkreise, dass die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen im Jemen die strategisch wichtige Hafenstadt Mokka unter ihre Kontrolle gebracht haben. Damit wächst ihr Einfluss nahe der Meerenge Bab al-Mandab.
Auch die militärisch bedeutsamen Hanisch-Inseln sollen angegriffen worden sein. Die Sorge vor einer Blockade wichtiger Seewege ließ den Brent-Preis um 3,5 Prozent auf über 100 Dollar pro Barrel steigen.
Huthi-Sprecher Mohammed Abdulsalam erklärte auf X, die Schifffahrt und der internationale Handel im Roten Meer und in der Meerenge Bab al-Mandab seien weiterhin sicher. Der Jemen stelle keine Bedrohung für den Schiffsverkehr dar. Die Einsätze seien defensiv und auf zuvor angekündigte Ziele beschränkt.
Die Meerenge Bab al-Mandab liegt zwischen dem Jemen sowie Dschibuti und Eritrea. Sie gilt als wichtige Route für Rohöl und Treibstoff aus der Golfregion in Richtung Mittelmeer und Asien. Für Saudi-Arabien ist dieser Weg besonders bedeutend, weil die Straße von Hormus wegen des Konflikts zwischen den USA und dem Iran weitgehend blockiert ist.
Die Kämpfe zwischen Saudi-Arabien und den Huthis eskalierten zuletzt weiter. In Chamis Muschait lösten die Behörden wegen anhaltender Angriffe der Miliz viermal innerhalb von 24 Stunden Luftalarm aus. Pakistan übermittelte laut den vorliegenden Angaben eine saudische Aufforderung an den Iran, mäßigend auf die Huthis einzuwirken.