Alarm an der Ostgrenze der NATO! Bewaffnete und vermummte Männer sollen von Belarus aus in das Bündnisland Lettland eingedrungen sein, dort Grenzanlagen beschädigt und Überwachungskameras gestohlen haben.
Eine bislang kaum bekannte Gruppierung namens "Schwarze Russen" bekennt sich zu dem Vorfall. Besonders brisant: In einem Video drohen die Maskierten bereits mit weiteren Aktionen gegen die NATO und die Europäische Union.
Sicherheitsexperten vermuten hinter der Gruppe eine mögliche Tarnorganisation russischer und belarussischer Geheimdienste. Bewiesen ist diese Verbindung bislang allerdings nicht.
Die Vorfälle ereigneten sich in der Nacht auf den 6. Oktober an der Grenze zwischen Lettland und Belarus. Nach Angaben der lettischen Sicherheitsbehörden versuchten bewaffnete Männer mit verdeckten Gesichtern, rund 20 Migranten über die Grenze nach Lettland zu bringen.
Lettische Soldaten griffen ein und verhinderten zunächst den Grenzübertritt. Dabei sollen die Maskierten den Einsatzkräften gedroht haben. Wenige Stunden später gelangten offenbar mehrere der Männer dennoch auf lettisches Staatsgebiet.
Dort beschädigten sie nach Angaben der Behörden einen elektrischen Verteilerschrank und entwendeten Überwachungskameras. Anschließend zogen sie sich nach Belarus zurück.
Wie der lettische Sender LSM berichtet, tauchte danach auf Telegram ein Video auf, in dem sich die Gruppierung "Schwarze Russen" zu den Vorfällen bekennt. Ein vermummter Sprecher mit veränderter Stimme nennt sich darin "Neman".
Seine Botschaft an Lettland ist eine deutliche Drohung. Die Aktion sei lediglich ein Test gewesen, den die lettische Seite nicht bestanden habe. "Bald werdet ihr etwas Ähnliches an anderen Abschnitten unserer Grenze sehen", kündigt der Sprecher an.
Anschließend richtet er sich gegen die westlichen Bündnispartner: "Die Europäische Union und die NATO sind ein Koloss auf tönernen Füßen, der nach unserem ersten Schlag zusammenbrechen wird", behauptet er. Ob die Gruppe tatsächlich in der Lage ist, weitere Angriffe auszuführen, ist unklar.
Die Identität der Männer ist bislang nicht geklärt. Auch darüber, wer die Gruppierung finanziert oder steuert, gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Lettische Sicherheitsexperten halten es jedoch für möglich, dass hinter den "Schwarzen Russen" Geheimdienste aus Russland und Belarus stehen.
Der Osteuropa-Experte Alexander Friedmann erklärte gegenüber ntv, er könne sich kaum vorstellen, dass eine solche Aktion ohne Wissen der belarussischen Regierung stattfinde. Der Verdacht richtet sich damit auch auf das Umfeld des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko, der als enger Verbündeter von Kreml-Kriegstreiber Wladimir Putin gilt.
Der lettische Staatssicherheitsdienst hat laut lokalen Medien inzwischen ein Strafverfahren wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Organisation eingeleitet Eine offizielle Bestätigung für eine direkte Steuerung durch Moskau liegt bislang nicht vor.
Die Vorgänge wecken Erinnerungen an die russische Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim im Jahr 2014. Damals tauchten bewaffnete Männer in grüner Militärkleidung ohne erkennbare Hoheitsabzeichen auf. Sie besetzten wichtige Verwaltungsgebäude, Polizeistationen und militärische Einrichtungen. Weltweit wurden diese Soldaten als "Grüne Männchen" bekannt.
Die verdeckte Vorgehensweise ermöglichte es Russland zunächst, eine direkte Beteiligung abzustreiten. Experten sehen in den aktuellen Grenzvorfällen deshalb mögliche Parallelen zur sogenannten hybriden Kriegsführung: Dabei werden militärischer Druck, verdeckte Operationen und politische Einschüchterung miteinander verbunden.
Lettland gehört seit 2004 sowohl der NATO als auch der Europäischen Union an. Grenzprovokationen mit Migranten sind dort seit Jahren ein Problem. Die jüngsten Ereignisse gelten aber als besonders auffällig, weil bewaffnete und maskierte Männer offen gegen lettische Sicherheitskräfte auftraten.
Die lettischen Streitkräfte bezeichneten den Vorfall als ungewöhnlich demonstrativ und aggressiv. Neben der Grenzverletzung sorgt vor allem die Ankündigung weiterer Aktionen für Besorgnis.
Ob tatsächlich neue Vorfälle folgen und wer hinter der Gruppierung steckt, müssen nun die Ermittlungen zeigen. Klar ist bereits: Die Geschehnisse an der Grenze zwischen Belarus und Lettland haben die Sicherheitsdebatte innerhalb der NATO erneut verschärft.