Alarm in den Hohen Tauern: Die Tage der Pasterze, dem größten Gletscher Österreichs, sind wohl gezählt. Nur noch ein schmales Eisband verbindet die 3,9 Kilometer lange Gletscherzunge am Fuß des Großglockners mit dem nährenden Gletschereis am oberen Pasterzenboden.
Wie es in einer Aussendung des Österreichischen Alpenvereins (ÖAV) heißt, könnte diese letzte Verbindung schon in den nächsten Monaten abreißen. Sofern das Wetter mitspielt, würde sie – mit etwas Glück – noch bis zum Jahresende halten.
Besonders die anhaltenden hohen Temperaturen setzen der Pasterze ordentlich zu. Die letzte Verbindung der Gletscherzunge über den einst beeindruckenden Hufeisenbruch hinauf zum Nährgebiet beim Johannisberg steht kurz vor dem Aus. Über die Jahre hat die Gletscherzunge durch den ständigen Massenverlust und das Schrumpfen der Länge schon mehrere Eisverbindungen verloren.
2020 ist die vorletzte Verbindung beim Schneewinkel verschwunden, dort fließt jetzt ein Wasserfall. Die nun letzte Verbindung beim Rifflwinkel wird immer dünner, wie der Gletschermessdienst des Alpenvereins bestätigt. Dieser führt seit 1891 Messungen an der Pasterze durch.
Michael Avian und Anton Neureiter von GeoSphere Austria messen die Massenbilanz und berichten: "Wir beobachten seit 1980, dass die Pasterze fast durchgehend Masse verloren hat. Über den gesamten Beobachtungszeitraum bis 2025 ging im Mittel rund ein Meter Wasseräquivalent pro Jahr verloren." Dies entspricht einer Tonne Eis pro Quadratmeter Gletscherfläche.
In den letzten 10 Jahren habe sich der Wert auf 1,2 Meter Wasseräquivalent (also 1,2 Tonnen pro Quadratmeter) erhöht. Laut Andreas Kellerer-Pirklbauer von der Uni Graz sei die Gletscherzunge von 2024 auf 2025 um 7,3 Meter eingesunken. Die abgeschmolzenen 12,4 Millionen Kubikmeter Eis entsprechen einem Eiswürfel mit 231,5 Metern Kantenlänge.
Der Begriff leitet sich etymologisch vom slowenischen Wort pastir (Hirte) ab. Ursprünglich bezeichnete das Wort eine fruchtbare Alm oder Viehweide, da das Gebiet früher eisfrei war. (Wikipedia)
Gerade an der letzten Eisverbindung zum oberen Pasterzenboden wird der Verlust besonders deutlich. "Wir beobachten die Veränderungen in diesem letzten Rest des Hufeisenbruchs sehr genau", sagen Kellerer-Pirklbauer und Avian. 1998 war die Verbindung im Hufeisenbruch noch wichtig für den Eisnachschub, 2020 waren es nur noch 230 Meter Breite. Im August 2025 wurden zuletzt 120 Meter gemessen.
Wann die Gletscherzunge endgültig abreißt, hängt von vielen Faktoren ab. Die Forscher sind sich aber sicher: "Höchstwahrscheinlich werden dann die Felswände im ehemaligen Eisbruch das erste Mal seit 5.000 Jahren komplett eisfrei sein. Die Pasterzenzunge wird dann endgültig vom Restgletscher getrennt sein und abschmelzen."
Ob dies nun genau heuer oder ein bis zwei Jahre später sein wird, sei sekundär, betonen die Forscher. Dann wäre die Pasterze nicht mehr der größte Gletscher Österreichs – diesen Titel übernimmt der Gepatschferner in Tirol, der aber ebenfalls stark schrumpft und allein in den letzten fünf Jahren rund 300 Meter an Länge verloren hat.
Für die Pasterzenzunge selbst hat der bevorstehende Abriss kaum noch Bedeutung, erklären die Experten: "Seit den 2010er-Jahren ist der Eisnachschub von oben so gering, dass sich die Gletscherzunge schon längst wie ein Toteiskörper verhält." Demnach sei ihre Bewegung bereits beinahe zum Stillstand gekommen. Die Eismasse würde nicht nur dahinschmelzen, sondern sei "einem großflächigen Zerfall preisgegeben".
Laut Kellerer-Pirklbauer betrage die höchste Fließgeschwindigkeit, die man unterhalb des Eisbruchs gemessen habe, lediglich 5,3 Meter von 2024 auf 2025. "All das sind typische Merkmale eines Restgletschers, der als Toteismasse zu bezeichnen ist und der sich nicht mehr regenerieren kann."
Auch die Vizepräsidentin des Alpenvereins, Nicole Slupetzky, zeigte sich alarmiert. Sie sieht die Entwicklungen als "dringenden Weckruf". Es handle sich hier nicht um ein lokales Naturereignis, sondern um "die Auswirkungen der Klimakrise". Ihr zufolge habe der Rückgang bereits "spürbare Folgen für Wasserhaushalt, Biodiversität und die Sicherheit im alpinen Raum".