Kabellose Kopfhörer gibt es mittlerweile in unzähligen Varianten. Viele sehen sich ähnlich, viele funktionieren nach demselben Prinzip: Ein Silikonaufsatz verschwindet tief im Gehörgang und dichtet das Ohr möglichst vollständig ab. Huawei geht seit der ersten Generation der FreeClip aus dem Jahr 2024 einen anderen Weg. Die neuen FreeClip 2 S bleiben diesem Konzept treu. Sie werden nicht in den Gehörgang gedrückt, sondern mit einer Clip-Konstruktion am Ohr befestigt – ähnlich einem Ohrring. Dadurch bleibt das Ohr offen und die Umgebung jederzeit hörbar. Statt Abschottung stehen Tragekomfort und Transparenz im Vordergrund.
Huawei hat gegenüber den beiden bisherigen Generationen vor allem an vielen kleinen Details gearbeitet. Das betrifft das Gehäuse, den Tragekomfort, die Bedienung und einige neue Softwarefunktionen. Auf den ersten Blick wirken die Unterschiede zwar überschaubar, im täglichen Einsatz zeigen sich jedoch mehrere Verbesserungen. Das startet schon beim Ladecase. Das Etui der FreeClip 2 S erinnert eher an eine kleine Schmuckschatulle. Die Oberfläche reflektiert das Licht stärker als beim Vorgänger. Huawei verwendet eine spezielle NCVM-Beschichtung. Das sorgt für einen hochwertigen Eindruck, aber auch Fingerabdrücke.
Im Test hinterließ besonders die silberne Variante (außerdem gibt es eine metallisch blaue Version) einen edlen Eindruck. Das Gehäuse wirkt hochwertig verarbeitet, Spaltmaße oder unsaubere Übergänge gibt es praktisch nicht. Gleichzeitig bleibt das Case angenehm kompakt und verschwindet problemlos in jeder Hosentasche. Auch die Kopfhörer selbst unterscheiden sich optisch von fast allen Konkurrenzmodellen. Statt eines Stiels oder eines klassischen Ohrhörers bestehen sie aus drei Elementen. Vor dem Ohr sitzt der "Acoustic Ball", hinter dem Ohr die "Comfort Bean". Verbunden werden beide über einen C-förmigen Bügel.
Diese "C-bridge" besteht aus einer Formgedächtnis-Legierung mit einer Silikonbeschichtung. Laut Huawei wurde dieses Material gegenüber früheren Modellen weicher ausgeführt. Gleichzeitig sehen die FreeClip 2 S am Ohr wie ein modisches Accessoire aus. Tatsächlich wurden wir während des Testzeitraums mehrfach darauf angesprochen, ob es sich um Schmuck oder um Kopfhörer handle. Wer keine auffälligen Hörer tragen möchte, könnte damit nicht glücklich werden, wer gerne Accessoires zeigt, dafür umso mehr. Weiterer Vorteil: Bereits nach kurzer Zeit vergisst man häufig, dass man überhaupt Kopfhörer trägt.
Jeder Ohrhörer bringt laut Hersteller rund 5,1 Gramm auf die Waage. Das wirkt viel, aber dadurch, dass nichts in den Gehörgang geschoben wird, entsteht kein Druckgefühl und auch nach mehreren Stunden traten im Test keine Schmerzen auf. Gerade im Büro, während langer Zugfahrten oder bei einem Arbeitstag im Homeoffice empfanden wir den Tragekomfort als ausgesprochen angenehm. Huawei verzichtet auf eine Unterscheidung zwischen linkem und rechtem Ohrhörer. Beide erkennen automatisch, auf welcher Seite sie getragen werden. Das erleichtert das Einsetzen, man muss nicht erst überlegen, welcher Hörer wohin gehört.
Das ungewöhnliche Clip-System wirkt zunächst etwas fragil. Tatsächlich saßen die FreeClip 2 S im Test aber überraschend stabil. Beim Gehen, Treppensteigen oder Radfahren bewegten sie sich praktisch keinen Millimeter. Auch beim lockeren Joggen blieben sie zuverlässig an ihrem Platz. Erst bei sehr schnellen Richtungswechseln oder besonders heftigen Kopfbewegungen merkt man, dass sie nicht ganz so fest sitzen wie Sport-In-Ears mit Silikonaufsätzen. Für den Alltag reicht die Stabilität dennoch vollkommen aus. Wer regelmäßig laufen geht oder im Fitnessstudio trainiert, muss sich kaum Sorgen machen, dass ein Hörer plötzlich herunterfällt.
Hinzu kommt die Schutzklasse IP57. Dadurch sind die Ohrhörer gegen Staub sowie zeitweiliges Untertauchen in Wasser geschützt und vertragen auch Regen oder schweißtreibenden Sport problemlos. Das offene Konzept bringt aber zwangsläufig Vor- und Nachteile mit sich. Der größte Vorteil zeigt sich im Straßenverkehr. Autos, Fahrräder oder Durchsagen bleiben jederzeit hörbar. Auch Gespräche mit Kollegen oder Freunden gelingen wesentlich unkomplizierter, es reicht aus, die Musikwiedergabe kurz zu pausieren. Die Kopfhörer müssen dafür nicht aus dem Ohr genommen werden. Umgekehrt dringt aber auch alles Ungewollte an Lärm durch. Fast.
Huawei versucht, diesen Nachteil mit einer adaptiven Lautstärkeregelung auszugleichen. Die Kopfhörer erkennen die Umgebungslautstärke und passen die Wiedergabe automatisch an. Das funktioniert zuverlässig, ersetzt aber keine aktive Geräuschunterdrückung, die beim offenen Aufbau technisch ohnehin nicht möglich ist. Und kann der Klang mit klassischen In-Ears mithalten? Die Antwort fällt differenziert aus. Huawei verbaut in den FreeClip 2 S einen 10,8-Millimeter-Dualmembran-Treiber. Gegenüber der ersten Generation wurde die Akustik überarbeitet, gleichzeitig arbeitet ein neuer Prozessor im Hintergrund an der Klangoptimierung.
Im Alltag hinterlassen die FreeClip 2 S einen deutlich besseren Eindruck, als man es offenen Ohrhörern zunächst zutrauen würde. Stimmen werden sauber wiedergegeben und wirken angenehm natürlich. Podcasts, Hörbücher oder Nachrichtensendungen profitieren besonders davon. Jede Silbe bleibt verständlich, selbst wenn nebenbei Straßenverkehr oder Gespräche zu hören sind. Auch bei Musik überraschen die kleinen Ohrclips. Pop, Rock oder elektronische Musik machen durchaus Spaß. Der Bass ist für ein offenes System kräftiger ausgefallen als erwartet. Schlagzeug oder Bassläufe wirken keinesfalls dünn oder kraftlos.
Besonders positiv fiel im Test die räumliche Wiedergabe auf. Instrumente lassen sich gut voneinander unterscheiden, Stimmen stehen klar im Mittelpunkt und auch bei höheren Lautstärken bleibt der Klang angenehm ausgewogen. Da die FreeClip 2 S offen konstruiert sind, gelangen aber Außengeräusche permanent ans Ohr. Im Café oder im Büro fällt das kaum auf. Sobald jedoch eine stark befahrene Straße, eine volle U-Bahn oder ein Bahnhof ins Spiel kommen, muss die Lautstärke erhöht werden. Die adaptive Lautstärkeregelung funktioniert auch hier gut und verändert die Lautstärke passend, ohne dass man selbst nachregeln muss.
Offene Kopfhörer galten lange Zeit nicht unbedingt als erste Wahl für Telefonate. Gerade Wind oder Straßenlärm machten vielen Modellen zu schaffen. Huawei setzt bei den FreeClip 2 S auf drei Mikrofone, einen Knochenschallsensor und eine KI-gestützte Geräuschfilterung. Dadurch sollen Umgebungsgeräusche besser erkannt und Stimmen sauber herausgefiltert werden. Im Alltag hinterließ die Telefonqualität einen überzeugenden Eindruck. Mehrere Gesprächspartner bestätigten, dass Stimmen klar und natürlich übertragen wurden. Selbst an einer stark befahrenen Straße oder beim Spaziergang blieb die Verständlichkeit hoch.
Wind stellt zwar weiterhin eine Herausforderung dar, doch selbst hier arbeiten die Mikrofone besser als bei vielen offenen Konkurrenzmodellen. Für Videokonferenzen im Homeoffice oder Telefonate unterwegs reichen die FreeClip 2 S problemlos aus. Huawei hat die Steuerung gegenüber früheren Generationen erweitert. Per Doppeltippen lassen sich Musik und Telefonate steuern. Dreifaches Tippen springt standardmäßig zum nächsten Titel. Besonders praktisch ist die Wischgeste entlang der "Comfort Bean", mit der sich die Lautstärke direkt am Ohr verändern lässt. Alle Gesten können über die zugehörige Huawei-App angepasst werden.
Huawei FreeClip 2 S
Die Huawei FreeClip 2 S sind seit dem 14. Juli in Österreich im Handel. Erhältlich sind sie laut Hersteller sowohl im Huawei Online Store als auch bei MediaMarkt. Der Preis liegt bei 229 Euro.
Zum Marktstart bietet Huawei die Kopfhörer bis zum 21. August 2026 im eigenen Online-Shop zum Preis von 199 Euro an. Zusätzlich wird ein Bundle mit Schmuck der Marke Les Néréides angeboten, das zum Preis von 229 Euro erhältlich sein soll.
Im Test reagierten die Berührungen überwiegend zuverlässig. Gelegentlich musste ein Doppel-Tipp wiederholt werden, insgesamt funktionierte die Bedienung aber deutlich sicherer als bei vielen früheren Clip-on-Kopfhörern. Hinzu kommt eine Besonderheit: Anrufe lassen sich auf Wunsch mit einer Kopfbewegung annehmen oder ablehnen. Ein Nicken genügt zum Annehmen, ein Kopfschütteln lehnt den Anruf ab. Nach kurzer Eingewöhnung funktionierte dieses Feature erstaunlich zuverlässig und erwies sich vor allem dann als praktisch, wenn beide Hände gerade beschäftigt waren. Auch die App bietet mittlerweile mehr Möglichkeiten als erwartet.
Die "Huawei Audio Connect"-App steht für iOS zur Verfügung, für Android gibt es sie zwar nicht im Play Store, aber über Huaweis AppGallery und auf der Huawei-Webseite. Darüber lassen sich Firmware-Updates installieren, Gesten anpassen, Equalizer-Einstellungen verändern oder die automatische Lautstärkeregelung aktivieren. Praktisch ist außerdem die Suchfunktion. Verlegte Ohrhörer können über einen Signalton gefunden werden. Wer zwischen Smartphone, Tablet und Notebook wechselt, profitiert von der Mehrpunktverbindung. Die Clips können gleichzeitig mit zwei Geräten verbunden sein und wechseln automatisch zwischen ihnen.
Huawei gibt bis zu neun Stunden Musikwiedergabe mit einer Akkuladung sowie bis zu 38 Stunden mit dem Ladecase an. Eine Schnellladung von zehn Minuten soll für bis zu drei Stunden Wiedergabe reichen. Im Alltag erwiesen sich diese Angaben als realistisch. Bei gemischter Nutzung aus Musik, Podcasts und Telefonaten mussten die Kopfhörer während mehrerer Arbeitstage kaum nachgeladen werden. Wer täglich zwei bis drei Stunden hört, kommt mehrere Tage ohne Steckdose aus. Positiv fällt auf, dass die Verbindung über Bluetooth 6.0 stabil arbeitet. Im Testzeitraum kam es zu keinen Verbindungsabbrüchen oder Aussetzern.
Nach mehreren Tagen mit den FreeClip 2 S wird deutlich, dass Huawei keine komplette Neuentwicklung geschaffen hat. Vielmehr wurde das bestehende Konzept der FreeClip und FreeClip 2 an vielen Stellen verfeinert. Das beginnt beim höheren Tragekomfort und setzt sich bei der Bedienung fort. Auch das Ladecase wirkt hochwertiger als noch beim Vorgänger. Im täglichen Einsatz fällt außerdem auf, wie unkompliziert die FreeClip 2 S sind. Es gibt keine Silikonaufsätze in unterschiedlichen Größen, die ausprobiert werden müssen. Auch das ständige Nachjustieren, wie man es von manchen In-Ears kennt, entfällt weitgehend.
Huawei bleibt mit den FreeClip 2 S auf dem Erfolgskurs der hauseigenen, offenen Kopfhörer. Im Test überzeugte das neue Modell vor allem mit dem außergewöhnlich hohen Tragekomfort, der stabilen Passform, guten Sprachqualität bei Telefonaten und dem für offene Ohrhörer überraschend ausgewogenen und kräftigen Klang. Auch die Akkulaufzeit bewegt sich auf einem hohen Niveau, während die Mehrpunktverbindung und die anpassbare Gestensteuerung den Alltag erleichtern. Ganz ohne Kompromisse kommen die FreeClip 2 S allerdings nicht aus. In sehr lauten Umgebungen stoßen offene Ohrhörer bauartbedingt an ihre Grenzen.
Wer maximale Basswiedergabe oder eine vollständige Abschirmung von Außengeräuschen erwartet, wird hier nicht fündig. Ebenso ersetzen sie keine In-Ears mit aktiver Geräuschunterdrückung auf langen Flugreisen oder täglichen Fahrten in (lauten) U-Bahnen. Die Huawei FreeClip 2 S sprechen Menschen an, denen Komfort wichtiger ist als maximale Isolation. Wer Musik hören, telefonieren oder Podcasts genießen möchte und dabei seine Umgebung weiterhin wahrnehmen will, findet hier ein ausgereiftes Gesamtpaket. Huawei hat das ungewöhnliche Konzept an den richtigen Stellen weiterentwickelt – und optisch verfeinert.