Realität an Wiener Schule:

"Hunderte Kinder, aber nur 3 mit Muttersprache Deutsch"

Notstand in unseren Schulen. Viele wollen es nicht wahrhaben, doch in manchen Gegenden ist das Unterrichten eine "Mission Impossible".
Michael Pollak
23.01.2026, 11:52
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Diese Zahlen schockieren: In Wiens Schulen können bis zu 77 Prozent der Erstklässler nicht gut genug Deutsch, um dem Unterricht zu folgen. Im Durchschnitt der gesamten Bundeshauptstadt sind es 51 Prozent! "Heute" hat mit einer engagierten Lehrerin einer der am schlimmsten betroffenen Schulen gesprochen. Ihre Schilderungen erschüttern.

Die junge Pädagogin (sie ist 24) will anonym bleiben, ihre Schule liegt unweit des Wiener Gürtels, die noble Innenstadt ist nur zwei U-Bahn-Stationen entfernt. "In meiner Klasse sprechen drei Viertel der Kinder Arabisch als Muttersprache." Das an sich sei kein Problem, versichert die Lehrerin. "Aber während ich versuche, den Unterricht auf Deutsch zu halten, sprechen sie nur in ihrer Sprache."

Viele dieser Kinder der 3. Volksschulklasse können kaum Deutsch, obwohl sie seit Jahren hier leben, die meisten wurden sogar hier geboren. "Sehr häufig haben sie bildungsferne Eltern. Den Kindern wird zu Hause nicht erklärt, wie wichtig das Lernen und die Sprache sind."

"Heute" hat bereits vor zwei Jahren mit dieser Lehrerin gesprochen, damals sagte sie: "Drei in meiner Klasse sind nicht alphabetisiert, sie kennen keinen einzigen Buchstaben – sie können nicht einmal ihren Namen schreiben." Harte Arbeit investiert die junge Frau in die Bildung dieser Kinder.

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Es dauerte, aber die Lehrerin brachte die meisten Schüler auf ein zufriedenstellendes Niveau –  dann, in diesem Schuljahr, kam der große Rückschlag: "Ich unterrichte jetzt eine dritte Klasse und habe sechs neue Burschen drinnen, die bereits zweimal durchgefallen sind – in der Volksschule!" Die Auswirkungen auf die Klassengemeinschaft sind katastrophal.

Niveau sinkt dramatisch ab

Diese zehn- bis elfjährigen Buben lassen das Niveau wieder abstürzen, die anderen (sie sind erst acht Jahre alt) leiden massiv. "Die Sprachkenntnis vor allem dieser älteren Buben ist deprimierend. Sie sollten in der dritten Klasse schon kleine Geschichten schreiben können, ich aber bin froh, wenn sie einzelne Objekte benennen können."

Die Grafik zeigt den Anteil "außerordentlicher Schulanfänger" nach Bezirken – sie können nicht gut genug Deutsch, um dem Unterricht zu folgen.
istockphoto ("Heute"-Grafik)

Auf Deutsch schaffen diese Buben, die eigentlich in der Mittelschule sitzen sollten, nur Mini-Sätze: "‘Ich gehe Pause' oder 'Ich spiele Fußball' – mehr nicht." Sie haben, so die Lehrerin, kaum einen Wortschatz, Grammatik ist ihnen fremd. Im nächsten Jahr werden diese Kinder Schularbeiten schreiben müssen, "das werden die nicht schaffen", sagt die Lehrerin.

Die Vision der Lehrerin

Hoffnung auf Besserung hat die Wiener Lehrerin nur, wenn man die Kinder auf Schulen aufteilt, in denen es mehr deutschsprechende Schüler gibt. Ziel sei es etwa zwei solche Fälle pro Klasse zu haben: "Nur dann werden sie es cool finden, die Sprache zu lernen." Dann könnte eventuell der Gruppenzwang steigen, und auch wirklich gelernt werden.

Doch die aktuelle Realität ist weiterhin: Die Schüler selbst interessiert das nicht. Als Antwort bekommt die frustrierte Lehrerin regelmäßig zu hören: "‘Habe nicht gelernt – ist mir egal!"

{title && {title} } POM, {title && {title} } Akt. 23.01.2026, 13:45, 23.01.2026, 11:52
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