Die ganze Welt blickte vergangene Nacht gespannt auf den iranischen Luftraum. Um 22.15 Uhr Ortszeit (21.15 Uhr MEZ) verhängt die zivile Luftfahrtbehörde des Irans eine totale Sperre des Luftraums – vorerst bis 0.30 Uhr Ortszeit. Die USA evakuierten nicht unbedingt benötigtes Personal aus ihrem Stützpunkt in Katar – während dort gleichzeitig sechs Tankflugzeuge abhoben, die zur Betankung von Langstreckenbombern benötigt würden.
Auf einer Flugradar-Webseite war zu erkennen, dass bereits in der Luft befindliche Linienflugzeuge mehrerer ziviler Fluglinien an der Grenze zum Iran umdrehten.
Ebenfalls zur selben Zeit gingen mehrere Meldungen von Beobachtern aus dem Irak ein, die laute Kampfjetgeräusche wahrnahmen. Alles deutete auf einen unmittelbar bevorstehenden Luftschlag der USA auf Ziele im Iran hin. Doch nichts passierte. Die iranische Luftfahrtbehörde verlängerte die Luftraumsperre noch einmal um drei Stunden bis 3.30 Uhr Ortszeit. Doch die Nacht blieb ruhig. Ein aus Moskau kommendes Passagierflugzeug einer arabischen Fluglinie war das erste, das in der Früh wieder den Flughafen von Teheran ansteuerte.
Was war passiert? Bei einer Pressekonferenz in Washington D.C. sprach US-Präsident Trump, während bereits die Tankflugzeuge in der Luft waren, von einer wichtigen Mitteilung, die er aus dem Iran erhalten habe. "Der Iran hat das Töten beendet", behauptete er. Das habe er "aus einer sehr wichtigen Quelle auf der anderen Seite" erfahren. "Heute sollten eigentlich viele Hinrichtungen stattfinden, aber das wird nun nicht geschehen", sagte Trump.
Ein verdutzter Reporter fragte Trump daraufhin, ob eine militärische Intervention der USA damit ausgeschlossen sei. Trumps Antwort: "Wir werden den weiteren Verlauf beobachten, aber wir haben eine sehr gute Stellungnahme von Leuten erhalten, die über die Vorgänge informiert sind."
Der iranische Außenminister Abbas Araghtschi gab am selben Abend dem US-Sender FOX News ein Interview, in dem er behauptete: "Es gibt keine Hinrichtungen, weder morgen noch heute. Es gibt überhaupt keine Pläne für Hängungen".
Offenbar hat der Iran es in letzter Sekunde geschafft, Trump zum Umdenken zu bewegen. Am Donnerstag veröffentlichten iranische Medien wie das staatliche Press TV sogar die dreiste Behauptung, die Meldung über die geplante Hinrichtung des ohne fairen Prozess zum Tode verurteilten Demonstranten Erfan Soltani (26) sei von "feindlichen" Medien erfunden worden.
Ob die Proteste im Iran, wie vom Regime behauptet, wirklich abgeflaut sind, lässt sich aufgrund der seit sieben Tagen (!) anhaltenden Internetsperre samt Blockade von Auslandstelefonaten und groß angelegter Störung von Starlink-Verbindungen nicht wirklich feststellen. Außer Frage steht jedoch, dass seit Beginn der Internetblockade Donnerstagabend im ganzen Land mit scharfer Munition gegen Demonstranten vorgegangen wurde.
Besonders am Donnerstag und Freitag soll es tausende Tote gegeben haben. Die Polizei sei von den Straßen abgezogen worden und durch die Revolutionsgarden der Islamischen Republik abgelöst worden. Die brutale Niederschlagung der Proteste hat nach offiziellen Angaben 2.000 Demonstranten das Leben gekostet. Unabhängige Beobachter gehen jedoch von bis zu 12.000, manche sogar von 20.000 Toten aus.
Noch während Trump Mittwochabend zu den Reportern sprach, kehrten die Tankflugzeuge wieder Richtung Katar um. Auch die Evakuierung des dortigen Stützpunktes soll abgebrochen worden sein, berichten Militärbeobachter. Über das Motiv Trumps gibt es verschiedene Spekulationen. Einerseits könnte Trump aufgrund der Zweifel, ein einziger Luftangriff könnte nicht ausreichen, um dem Regime den von ihm gewünschten "entscheidenden Schlag" zu versetzen.
Andererseits gab es auch viele warnende Stimmen vor einer Eskalation in der Region, zumal die USA ihre Flugzeugträger-Verbände aufgrund der Militäroperation in Venezuela zuvor abgezogen hatten – und der nächste Flugzeugträgerverband im Südchinesischen Meer stationiert ist. Iranische Gegenschläge auf US-Stützpunkte in Katar und im Irak könnten so nur schwer bekämpft werden.
Verschiedene Militäranalysten gehen nun davon aus, dass das ganze entweder ein Testlauf war, um das iranische Militär in Alarmbereitschaft zu versetzen – womit die USA wichtige Erkenntnisse über die Positionen von Radar- und Luftabwehrsystemen erlangt, um den Angriff dann mit besseren Informationen zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen – oder, dass womöglich das Wetter Schuld gewesen sein könnte.
Was auch immer Trump zum umdenken bewegt hat – das iranische Regime kann sich nicht in Sicherheit wiegen. Mittlerweile wurde bekannt, dass der Flugzeugträger USS Abraham Lincoln von seinem Standort im Südchinesischen Meer Richtung Arabisches Meer ausgelaufen ist.
Auch Raketenkreuzer sollen auf dem Weg Richtung Golfregion sein. Die Verlegung dürfte jedoch mindestens eine Woche dauern. Dann wären die USA jedoch in einer deutlich besseren Position für Angriffe – und die Abwehr von Gegenschlägen – auf und aus dem Iran.