Wegen Austritten aus Kirche

Kardinal: "Nicht wundern, wenn Muslime Mehrheit werden"

Kardinal Christoph Schönborn im großen "Heute"-Interview über sein neues Leben im Kloster, das geplante Kinder-Kopftuchverbot und Kirchenaustritte.
Clemens Oistric
02.10.2026, 05:00
Loading...
Angemeldet als Hier findest du deine letzten Kommentare
Alle Kommentare
Meine Kommentare
Sortieren nach:

Kommentare neu laden
Nach oben
Hör dir den Artikel an:
00:00 / 02:45
1X
BotTalk

Frühpension war es wahrlich keine, als Christoph Schönborn Anfang 2025 sein Amt an Josef Grünwidl übergab. Mit 81 Jahren gewöhnt sich der Kardinal, der 30 Jahre lang die Wiener Kirche skandalfrei als Erzbischof geleitet hat, nun an sein neues Leben.

Sein Alterssitz ist im Kloster der "Kleinen Schwestern vom Lamm" – in der Wiener Brigittenau. "Heute" besuchte ihn zu einem Gespräch (Video in voller Länge oben) über Gott und die Welt. Buchstäblich.

"Heute" auf Google als bevorzugte Quelle festlegen

Das "Heute"-Interview

"Heute": Eminenz, seit Ihrer Pensionierung im Jänner 2025 leben Sie in einem kleinen Kloster in der Wiener Brigittenau. Wie kann man sich das Leben eines Erzbischofs in Ruhe vorstellen? Tragen Sie weniger Verantwortung? Müssen Sie weniger beten? Feiern Sie weniger Messen?

Christoph Schönborn: Mit dem Beten sollte man nicht aufhören, das gilt für uns alle. Die Messe feiere ich nach wie vor täglich, entweder hier im Kloster oder auch in den Pfarren. Weniger Verantwortung trage ich für die Institution Kirche. Das Schöne ist, dass ich mich jetzt den Menschen hier im Viertel widmen kann – etwa beim Hin- und Rückweg zum Billa. Das ist auch eine neue Freiheit für mich: dass ich mir selbst einkaufen gehe. Andere Leute sind das von jung an gewöhnt.

"Heute": Kardinal bleiben Sie auf Lebenszeit. Haben Sie noch eine offizielle Funktion in der Weltkirche?

Schönborn: Ich habe mit 80 Jahren sämtliche Funktionen, die ich im Vatikan hatte, aufgegeben. Das ist wohltuend. Ich habe das lange gemacht, jetzt sind andere dran.

„Ob Josef Grünwidl Kardinal wird, steht im Herzen des Papstes. Er entscheidet frei.“
Christoph SchönbornEmeritierter Erzbischof
Kardinal Schönborn im Interview mit "Heute"-Chefredakteur Clemens Oistric
Helmut Graf

"Heute": Zwei Mal haben Sie auch an einer Papstwahl teilgenommen – 2005 und 2013 – wären Sie selbst gerne Papst geworden?

Schönborn: Meine Mutter hat das wunderbar mit einem Spruch, der um die Welt gegangen ist, beantwortet: "Das wär nix für meinen Buben!"

"Heute": Und Sie sehen das genauso?

Schönborn: Absolut. Und wissen Sie: Bei den Konklaven gibt es meist ein großes Gap zwischen den Voraussagen der Medien und dem, was dann tatsächlich kommt. Das war auch jetzt bei Papst Leo wieder so, auch, wenn intern doch einige mit ihm gerechnet haben.

"Heute": Sie haben sich mit drei Päpsten gut verstanden: Johannes Paul II. hat Sie ins Kardinalskollegium aufgenommen, dann kam Benedikt und Franziskus hat Sie mit der Beaufsichtigung der Vatikanbank betraut. Wer stand Ihnen am nächsten?

Schönborn: Papst Benedikt. Er war Theologieprofessor und ich habe bei ihm studiert. Von 1972 bis zu seiner Emeritierung habe ich sehr eng mit ihm zusammenarbeiten dürfen. Ich habe also keinen der Päpste so gut gekannt wie ihn und habe nach wie vor eine ganz große Wertschätzung für ihn.

"Heute": Und der für viele in der Kurie unorthodoxe Franziskus?

Schönborn: Auch ihn habe ich sehr gemocht. Und ich glaube, er hatte auch Vertrauen zu mir. Das hat er mir immer wieder gezeigt.

"Heute": Wien ist seit 1864 ein traditioneller Kardinalssitz. Wie stehen die Chancen, dass Ihr Nachfolger Josef Grünwidl irgendwann auch Kardinal wird?

Schönborn: Das steht in den Sternen – oder besser gesagt im Herzen des Papstes. Er entscheidet frei, wen er ins Kardinalskollegium beruft. Aber Europa verliert an Gewicht, das muss man nüchtern sagen. Die Erzbischöfe von Paris und Mailand – beide wurden bisher nicht Kardinal.

"Heute": Bei seiner Amtsübernahme meinten Sie, Josef Grünwidl werde seine Sache in manchen Punkten vielleicht sogar besser machen als Sie. Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Nachfolger?

Schönborn: Ich könnte schon einige Punkte benennen, in denen er es nicht nur gut, sondern besser macht. Ich hatte sicherlich meine Qualitäten und Akzente, bin aus der Theologie – also der wissenschaftlichen Arbeit – gekommen und war durch meinen Orden, den Dominikanerorden international gut vernetzt. Aber die Klarheit, Festigkeit und Menschlichkeit von Josef Grünwidl sind die Gründe, warum von Anfang an die Zustimmung und die Freude über seine Ernennung so groß war.

„Meine persönliche Überzeugung ist: Beim Kopftuch sollte sich der Staat möglichst wenig einmischen.“
Schönborn schreibt seit 20 Jahren jeden Freitag in "Heute".
Helmut Graf

"Heute": Sie verfassen nun seit 20 Jahren Ihre "Heute"-Kolumne "Antworten". Für uns ist es eine große Ehre, dass der höchste geistliche Würdenträger in so einem breiten Medium schreibt. Wissen Sie noch, wovon Ihre erste Kolumne handelte?

Schönborn: Ich konnte mich nicht daran erinnern, aber Sie haben mich daran erinnert, dass sie vom Heiligen Franziskus handelte. Ich mache das sehr gerne und bin dankbar, dass ich die Gelegenheit habe, weil es einen selbst verpflichtet, in knappen, verständlichen Worten eine gute Message zu schicken.

"Heute": Ihre Kolumne ist kein einziges Mal ausgefallen, nicht einmal, als Sie mit Lungeninfarkt im Spital lagen oder beim Konklave in Rom waren. Schreiben Sie selbst?

Schönborn: Ja. Bei historischen Themen hole ich mir manchmal zur Sicherheit Informationen bei Mitarbeitern.

"Heute": In Ihrer Kolumne haben Sie sich kritisch zum Kinderkopftuchverbot geäußert. Ich stelle mir die Frage: Warum ist das Kopftuch bei einem achtjährigen Mädchen Ihrer Meinung nach Ausdruck der Religionsfreiheit und nicht Ausdruck von Zwang?

Schönborn: Weder ich noch die Lehrerinnen und Lehrer können entscheiden, was Zwang oder Freiheit ist. Was ist mit einem siebenjährigen Kind, das zur Erstkommunion geht? Mit den jüdischen Buben, die eine Kippa tragen? Wie viel Freiheit ist da – oder wie viel Selbstverständlichkeit der Religion der Familie? Sie sind als jüdische Buben erkennbar, wie eben auch Frauen von weitem als Muslima erkennbar sind. Meine persönliche Überzeugung ist: Da sollte sich der Staat möglichst wenig einmischen. Wenn man – wie in Frankreich – alle religiösen Symbole verbietet, dürfte ich als Religionsvertreter nicht einmal mit einem kleinen Brustkreuz in die Schule gehen. Das ist nicht der richtige Umgang.

"Heute": Was ist der richtige Umgang?

Schönborn: Dass man gegenseitige Wertschätzung lernt. Es kann durchaus sein, dass von muslimischer Seite in manchen Kreisen mehr Toleranz zu wünschen wäre. Wir dürfen aber nicht so tun, als wären Christen immer die Weltmeister der Toleranz gewesen. Ich bin der Überzeugung, dass der erworbene Respekt vor anderen Religionsgemeinschaften oder Menschen, die Religion ablehnen, ein Zugewinn an gesellschaftlichem Zusammenhalt sind. Insofern bin ich gespannt, wie der Verfassungsgerichtshof reagieren wird, der beim Kinderkopftuchverbot sicher angerufen wird.

„Wer die Kinder hat, hat die Zukunft.“

"Heute": Herr Kardinal, in Wiens Pflichtschulen sind Muslime mit 42 Prozent mittlerweile in der Mehrheit. Bereitet Ihnen das Sorgen?

Schönborn: Es gibt darauf eine ganz einfache Antwort: Wer die Kinder hat, hat die Zukunft. Es ist so, darüber braucht man nicht zu diskutieren. Schauen Sie sich die Demografie an: Auf 100 deutsche Eltern kommen 66 Kinder und 44 Enkel. Die, die 80 statt 44 Enkel haben, werden die Zukunft sein. So ist es. Zu den muslimischen Kindern in den Primarstufen hat Bürgermeister Ludwig öffentlich ein sehr mutiges Wort gesprochen. Er hat gesagt: "Tretet wieder in die Kirche ein, dann haben wir mehr Katholiken!" Man darf sich nicht wundern, dass Muslime die Mehrheit werden, wenn jeder anständige Österreicher aus der Kirche austritt – "weil sich das so gehört".

"Heute": Was unweigerlich an diese Debatte anschließt, ist die Frage nach dem Kreuz in öffentlichen Gebäuden. Soll es in Schulen und Spitälern aufrechterhalten werden?

Schönborn: Ich habe eine Muslima Folgendes im Fernsehen sagen gehört: "Nein, es stört mich nicht, dass es in Österreich so viele öffentliche Kreuze gibt. Ich bin froh zu wissen, dass es in diesem Land Menschen gibt, die an Gott glauben."

„Ich bin überzeugt, dass der Großteil der Muslime in unserem Land in Frieden zusammenleben wollen.“
Schönborn in seinem Gemach im Kloster der "Kleinen Schwestern vom Lamm" in der Wiener Brigittenau
Helmut Graf

"Heute": Sind Christen zu wenig missionarisch geworden, während viele Muslime verbreiten, die ganze Welt sollte ihrer Glaubensrichtung anhängen?

Schönborn: Wir haben beide eine missionarische Religion. Muslime haben den Auftrag, dass sich alle Menschen dem Islam unterwerfen sollten. Wir haben den Auftrag von Jesus: "Geht in alle Welt und macht alle Menschen zu meinen Jüngern." Also, wie machen wir das? Entweder wir greifen zur Waffe und schauen, wer stärker ist. Oder wir finden Punkte, die uns von unserer Religion her gemeinsam sind.

"Heute": Was ist das im konkreten Fall mit dem Islam?

Schönborn: Das ist einmal: an Gott zu glauben. Daran zu glauben, dass wir eine Verantwortung haben als Menschen, also Gutes zu tun. Und dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Wenn wir dereinst Rechenschaft über unser Leben abgeben müssen, wird es nicht um die Frage gehen: Wie oft warst du in der Kirche oder der Moschee, sondern darum, ob man ein guter Mensch war. Das ist im Islam wie im Christentum: Du wirst nach deinen guten Werken bemessen. Ich bin überzeugt, dass der Großteil der Muslime in unserem Land in Frieden zusammenleben wollen. Dieses Gemeinsame ist stärker als die Frage zum Kopftuch, da bleibe ich bei meinem Standpunkt, auch, wenn es viele gibt, dir mir widersprechen, da ich es nicht für die zentrale Frage halte.

"Heute": Sie haben in Frankreich studiert, sind dem Land immer verbunden geblieben. Zuletzt gab es dort einen neuen Rekord an Erwachsenentaufen. Was machen die Franzosen besser?

Schönborn: Eine gute Frage, die sich die Franzosen selbst stellen. Plötzlich klopfen junge Erwachsene an die Tür und sagen, sie möchten getauft werden. Ich glaube, das hat eine einfache, tiefe Wurzel: Jeder Mensch hat eine Seele. Und die Seele ist nicht abzuspeisen damit, zu essen oder ein schönes Auto zu haben und auf Urlaub fahren zu können. Unsere Konsumgesellschaft kann viel befriedigen, uns aber nicht die letzte Befriedigung geben: einen Sinn im Leben zu sehen. Insofern wundert es mich eigentlich nicht, dass in einer säkularen Gesellschaft die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach dem Glauben, nach Gott aufpoppt.

„Wird die Menschenwürde von einer Partei gefördert oder eher verachtet? Darüber zu urteilen ist sicher eine wichtige Aufgabe der Kirche.“

"Heute": Gestatten Sie, dass ich noch auf zwei politische Themen zu sprechen komme. Die Bischofskonferenz hat Kritik daran geübt, dass eine Partei den Korinther-Brief mit der Passage "Glaube, Hoffnung, Liebe" zitiert. Was kann man als Kirche dagegen haben, wenn jemand "Glaube, Hoffnung, Liebe" propagiert?

Schönborn: Nichts, weil es absolut richtig ist. Und wenn eine Partei ernst meint, Glaube, Hoffnung und Liebe zu fördern, ist sie sich auf einem guten Weg. Wir werden an unseren Taten gemessen. Natürlich hat jede Partei das Recht, auch religiöse Akzente zu setzen. Mich hat das nicht übermäßig aufgeregt. Entscheidend ist nicht, was man sagt, sondern was man tut – das sagt auch das Evangelium. Das gilt für jeden von uns. Wasser predigen und Wein trinken ist nicht glaubwürdig.

"Heute": In Deutschland haben Bischöfe vor der Wahl der AfD gewarnt. Läuft das nicht der Trennung von Kirche und Staat zuwider?

Schönborn: Da muss man sehr vorsichtig sein, Wahlfreiheit ist ein kostbares Gut, ein Grundbestandteil der Demokratie. Aber man kann Grundwerte unterstreichen – ganz konkret: Wie gehen wir mit Flüchtlingen um? Wird die Menschenwürde von einer Partei gefördert oder eher verachtet? Darüber zu urteilen ist sicher eine wichtige Aufgabe der Kirche. Papst Leo hat das sehr deutlich gezeigt, indem er am 250. Unabhängigkeitstag der USA nicht nach Washington, sondern auf die Insel Lampedusa gereist ist.

„Auch ich habe nicht die Gewissheit, in den Himmel zu kommen.“

"Heute": Eminenz, welche Wünsche haben Sie für die nächsten Jahre?

Schönborn: Ich bin 81, ich habe keine großen Pläne und Träume. Ich habe ziemlich viele Bücher geschrieben, das muss nicht weitergemacht werden. Was ich mir wirklich wünschen würde, ist, dass die Verantwortlichen ihre Verantwortung ernst nehmen und endlich die tobenden Kriege beenden. Krieg ist nicht die Lösung.

"Heute": Was kommt nach dem Tod?

Schönborn: Wir werden bei Jesus ankommen und jemand wir uns sagen: "Da bist du jetzt zuhause."

"Heute": Und Sie haben die Gewissheit, dass Sie in den Himmel kommen?

Schönborn: Diese Gewissheit habe ich nicht, aber ich habe die Gewissheit, dass es einen gibt, der will, dass ich dort bin. Um uns das zu schenken, ist er extra Mensch geworden. Ich bin sicher, dass Gott uns diese Türe öffnet.

"Heute": Herr Kardinal, vielen Dank für das Gespräch.

coi,Akt. 02.10.2026, 08:17, 02.10.2026, 05:00