Seit Jahren sorgt die Behandlung von Gastpatientinnen und Gastpatienten in Wiener Spitälern für politischen Streit. Für 2024 beziffert die Stadt Wien ihre Netto-Belastung mit 632 Millionen Euro, für 2025 werden rund 700 Millionen Euro erwartet. Langfristig stehen sogar Forderungen von mehr als einer Milliarde Euro jährlich im Raum.
Die Wiener ÖVP stellt nun allerdings die Darstellung der Stadt infrage. Eine Analyse des Gesundheitsökonomen Ernest Pichlbauer auf Basis der amtlichen ÜREG-Daten kommt zu dem Schluss: Die Zahl der Gastpatienten steige nicht wesentlich und auch die Schwere der Fälle nehme nicht zu. Das eigentliche Problem seien vielmehr die hohen Kosten der Wiener Spitalsstrukturen.
Der Anteil der Gastpatientinnen und Gastpatienten an den stationär behandelten Personen in Wiener Fondskrankenanstalten liegt demnach seit 2020 stabil bei rund 20,5 Prozent. Auch bei der erbrachten Spitalsleistung liege ihr Anteil bei rund 20 Prozent.
Laut Pichlbauer sind die Fälle zudem nicht nachweislich schwerer geworden. Die sogenannten LDF-Pauschalen – sie bilden den Aufwand einer Krankenhausbehandlung ab – haben sich in den vergangenen fünf Jahren kaum verändert.
2024 kostete ein LKF-Punkt – also eine Einheit für die erbrachte Spitalsleistung – in Wien 2,48 Euro. Im Durchschnitt der anderen acht Bundesländer waren es 1,92 Euro. Damit sei dieselbe Spitalsleistung in Wien rechnerisch fast 30 Prozent teurer. ÖVP-Landesparteiobmann Markus Figl spricht deshalb von einem "Kostenproblem" statt einem Gastpatientenproblem: "Die Gastpatienten sind nur der Sündenbock für Wiens ineffiziente und teure Spitäler."
Der große Unterschied zeige sich bei den sogenannten patientenfernen Kosten – etwa für Verwaltung, Gebäudebetrieb, IT, Energie und Abgaben. Während Wien bei den patientennahen Kosten ungefähr auf dem Niveau Niederösterreichs liege, seien die patientenfernen Kosten deutlich höher – rund 1,05 Euro je LKF-Punkt, gegenüber rund 60 Cent im übrigen Österreich.
Die ÖVP lehnt eine Direktverrechnung der Kosten zwischen den Bundesländern nicht grundsätzlich ab. Im Gegenteil: Der Grundsatz, dass das Geld der tatsächlich erbrachten Leistung folgt, sei richtig.
Die Schwarzen warnen aber davor, die hohen Wiener Strukturkosten einfach auf andere Bundesländer umzulegen. "Bei einer Direktverrechnung dürfen die überdurchschnittlich hohen Wiener Strukturkosten jedoch nicht automatisch zum Maßstab für ganz Österreich werden", heißt es.
„Es sind keine erfundenen Zahlen - es sind die eigenen Meldedaten der Stadt. Und Wiens eigene Zahlen zeigen: Wiens Spitäler sind deutlich teurer und ineffizienter als jene der anderen Bundesländer.“Ernest PichlbauerGesundheitsökonom
Für die Patienten ändere die Art der Abrechnung außerdem zunächst wenig. Entscheidend sei, dass sie rasch behandelt werden und die Versorgung besser werde. Gesundheitssprecherin Ingrid Korosec sagt: "Die Patientinnen und Patienten müssen im Mittelpunkt stehen – nicht Wiener Kostentricks. Für diese zählt nicht, wie abgerechnet wird, sondern dass sie rasch die beste Behandlung bekommen."
Die Wiener SPÖ weist die Kritik zurück. Bürgermeister Michael Ludwig habe bereits einen Vorschlag für eine Direktverrechnung der Gastpatientenkosten zwischen den Bundesländern vorgelegt. Andere Länder würden sich konstruktiv an den Gesprächen beteiligen.
SPÖ-Gemeinderätin Andrea Mautz kritisiert die Wiener ÖVP: "Wenn alle dafür sind, ist eine dagegen - die ÖVP Wien." Mautz erinnert außerdem daran, dass die ÖVP in den vergangenen Jahren selbst Finanzierungsvereinbarungen mit Wiener Ordensspitälern mitgetragen habe, die auch eine Reduktion der Gastpatientenzahlen vorsahen. Die entsprechenden Beschlüsse seien jeweils einstimmig gefasst worden.
Die von der ÖVP präsentierten Berechnungen seien zudem nicht vollständig, so die SPÖ. Wien erbringe etwa deutlich mehr Intensivleistungen als Niederösterreich. Auch die Kosten für Vorhalteleistungen bei komplexen Eingriffen wie Organtransplantationen sowie der höhere Personalschlüssel würden in der Darstellung nicht ausreichend berücksichtigt.