Schwere Vorwürfe gegen den privaten Kinderbetreuungs-Verein "Abendstern". Fördergelder sollen missbräuchlich verwendet worden sein, trotzdem zahlte die Stadt Wien weiter – wir berichteten.
Seit Oktober 2011 flossen rund 30 Millionen Euro Steuergeld an den Verein. Das wurde auch bereits vom Wiener Stadtrechnungshof kritisiert. Aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen soll zudem kaum Zeit für Deutschförderung der Kinder geblieben sein, kritisieren zwei Betreuerinnen.
Gleich drei Mal beauftragte die MA 10 (Kindergärten) einen externen Wirtschaftsprüfer mit der Begutachtung des Vereines – bei allen Prüfungen wurden Missstände festgestellt. Für das Jahr 2015 wurden etwa 834.698 Euro zurückgefordert – nach Gesprächen mit dem Verein wurde die Summe auf 490.000 Euro reduziert. Der Verein soll die Summe zurückgezahlt haben, er wurde daher weiterhin von der Stadt gefördert.
Derzeit erhält der Verein mit vier Standorten in Brigittenau, Donaustadt, Simmering und Rudolfsheim-Fünfhaus monatlich rund 190.000 Euro für 20 Gruppen bzw. 265 Kinder. Im Rahmen eines Hintergrundgespräches im Wiener ÖVP-Klub erhoben nun zwei ehemalige Betreuerinnen schwere Vorwürfe.
So sollen etwa im Winter die Räume nicht geheizt worden sein. Als Grund wurde angeführt, dass die Therme "kaputt" sei und die Reparatur Zeit benötige. Tatsächlich soll diese aber im Keller aktiv ausgeschaltet worden sein. Betreuerinnen schalteten sie wieder ein, der Vereins-Obmann, Mehmet Akkaya, soll sie wieder abgedreht haben – "Heute" berichtete.
Die Liste der Vorwürfe ist sehr, sehr lang. Sie reicht thematisch von persönlichen Drohungen (bei Beschwerden bzw. Aufzeigen von Missständen soll mit Kündigung bzw. Anwalt gedroht worden sein) über konkreten Fördermittel-Missbrauch (Betreuer sollen etwa genötigt worden sein, Rechnungen für private Fleischlieferungen zu unterzeichnen) bis hin zur Kindeswohlgefährdung, Hygiene-Mängel und schlechten Arbeitsbedingungen.
Laut den Aussagen der Mitarbeiterinnen mussten sie gleichzeitig wegräumen, putzen, kochen und die Kinder betreuen – ohne Pause oder Sitzgelegenheit (es gab nur Kindersessel). Dadurch blieb auch kaum Zeit für pädagogische Arbeit oder eine Deutschförderung. Demnach konnten viele Kinder zu Schulbeginn kaum Deutsch, "sehen ein Huhn und sagen Schwein", so die Betreuerinnen.
Während der Vereinsobmann bzw. die Vorstandsmitglieder überhöhte Gehälter bezogen haben sollen (wie auch im Stadtrechnungshof-Bericht kritisiert wurde), sollen einige Betreuerinnen nicht einmal nach Kollektivvertrag bezahlt worden sein. Zudem sollen Arbeitsstunden teilweise nicht ausgezahlt, gesetzlich zustehender Urlaub nicht gewährt worden sein.
Auch bei der Hygiene soll gespart worden sein: Demnach durfte beim Wickeln nur ein Handschuh verwendet werden, Mistsäcke sollen aufgeschnitten und kontrolliert worden sein, ob zu viele Handschuhe verwendet wurden. Nicht so genau soll man die Sauberkeit eines Teppichs genommen haben: Nachdem ein Kind darauf erbrochen hatte, wurde dieser kurzfristig im Keller gelagert, soll dann geputzt und wiederverwendet worden sein.
Auch weggeworfene Essensreste der Kinder wurden nicht gerne gesehen und bemängelt. Dafür sollten angeblich Eltern jeden Mittwoch, wenn Obsttag war, selbst Früchte mitbringen. Laut den Betreuerinnen wurden die Missstände mehrfach an MA 10, MA 11 (Kinder- und Jugendhilfe) und Ex-Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr (Neos) gemeldet – ohne Reaktion.
Die ÖVP fordert daher einen sofortigen Förderstopp und die Schließung des Vereines: "Während dubiose Kindergartenvereine über Jahre hinweg mutmaßlich Fördergelder missbrauchen, haben die zuständigen Magistratsabteilungen tatenlos zugesehen. Diese Verschwendung von Steuergeld muss endlich beendet werden – und die zuständige Neos-Stadträtin Emmerling ist jetzt gefordert, konsequent zu handeln und diese Missstände umgehend zu beenden", meint Klubobmann und Bildungssprecher der ÖVP Wien, Harald Zierfuß.
Eine "Heute"-Anfrage an den Vereinsobmann Mehmet Akkaya blieb bis dato unbeantwortet. Sowohl im "Kurier" als auch im "Standard" wies Akkaya die Vorwürfe zurück. "Unsere Einrichtungen werden laufend kontrolliert. Wäre unsere Arbeit nicht in Ordnung, würde die Stadt den Abendstern nicht unterstützen", erklärte er gegenüber dem "Standard".
Auch die MA 10 steht zur Entscheidung, den Verein weiter zu fördern. Es lägen zwar Beschwerden aus dem Jahr 2023 vor. Diese hätten zu weiteren Prüfungen und Vor-Ort-Kontrollen geführt, die allerdings keine Gründe für die Förderungskündigung ergeben hätten, heißt es zu mehreren Medien. Seit 2023 hätte es zudem einen "klaren Kurswechsel" im Verein gegeben.