Sie war bereits auf dem Weg zum Schlachthof, als die Kuh so eine Vorahnung bekam, was das Schicksal als nächstes für sie bereit hielt – und zum ersten Mal in ihrem Leben beschloss "Mücke", nicht mehr nach den Regeln zu spielen. Die zu dem Zeitpunkt noch namenlose Kuh sprang über eine Absperrung und versteckte sich in einem Wald.
So geschehen im August des Jahres in der Nähe von Heidelberg im deutschen Bundesland Baden-Württemberg. Zehn Wochen lang streifte die Kuh allein durch den Wald, versteckte sich bei jeder Sichtung eines Menschen noch besser. Zu real fühlte sich für sie die Bedrohung an, auf der Schlachtbank zu landen.
Bis sie schließlich auf der Weide von Alfons Gimber in Neckargemünd-Mückenloch, nur wenige Kilometer entfernt vom Fluchtort, stand. "Da stand ein Rind und wollte zu den Schafen! So etwas habe ich noch nie erlebt", sagte der Besitzer einer 200 Tiere großen Schafherde der "Rhein-Neckar-Zeitung". Sofort zog er einen Zaun um das Rind, um es fernzuhalten. "Das hat ihm nicht gefallen, denn es wollte ja zu den Schafen".
Das Tier, das nach dem Namen des Ortsteils "Mücke" genannt wurde, durchbrach den improvisierten Zaun und legte sich mitten in die Herde. "Sie hat die Schafe beschnuppert und fühlt sich wohl – sie passt sich sogar der Herde an. Und auch die Schafe störte das nicht", berichtet der erstaunte Schäfer.
Als die Herde weiterzog, war es mit der Freiheit vorerst vorbei. Als Gimber die Behörden informierte, stellte er unmissverständlich klar: "Es wird nicht geschossen – das Rind wird nicht getötet!". So wurde das Tier schließlich betäubt und zu seinem Besitzer zurückgebracht – doch dieser wollte, wohl zu "Mückes" Glück, das Rind nicht mehr zurück.
So kam der Verein "Rüsselsheim" ins Spiel, der im hessischen Alsfeld einen Gnadenhof betreibt. 2.000 Tiere sind dort bereits untergebracht. Nach kurzem zögern nahmen sie "Mücke" jedoch auf. "Komm, die eine Kuh macht es jetzt auch nicht fett, die nehmen wir", sagte die Vorsitzende Doris Rauh.
Und so grast "Mücke" jetzt auf dem Gnadenhof – weit weg vom Schlachthof, aber in bester Gesellschaft. Der auf Spenden angewiesene Verein nutzt die so erlangte Aufmerksamkeit auch gleich dazu, seine Zukunft weiter abzusichern, und startete online einen Spendenaufruf.