Für Elnas Ghorbani war es weit mehr als ein Wechsel der Kleidung. Mit 14 Jahren entschied sie sich, ihr Kopftuch abzulegen – als erste Frau in ihrer Familie. Ein Schritt, der für die heute 23-Jährige mit Ängsten, aber auch mit einem völlig neuen Gefühl von Freiheit verbunden war.
In einem Interview mit der "Kleinen Zeitung" erzählt die Studentin, wie es zu dieser Entscheidung kam – und warum sie das Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 grundsätzlich befürwortet.
Ghorbani wurde 2002 geboren. Als sie zwei Jahre alt war, flohen ihre Eltern mit ihr vor den Taliban aus Afghanistan in den Iran. Mit sechs Jahren wurde sie in Teheran eingeschult. Dort waren Schuluniform und Kopftuch vorgeschrieben.
Für sie und die anderen Mädchen war das damals Alltag. Nach dem Unterricht wollten sie das Tuch allerdings möglichst schnell loswerden.
Im Jahr 2015 kam Ghorbani mit ihrer Familie nach Österreich. In der Nähe von Graz begann für sie ein neues Leben. Das Kopftuch blieb zunächst ein selbstverständlicher Teil davon.
Mit der Zeit änderte sich ihr Blick darauf. In Österreich habe sie sich mit Kopftuch zunehmend eingeengt gefühlt. Blicke anderer Menschen, Fragen von Lehrern und Vorurteile hätten ihr das Gefühl gegeben, ständig erklären zu müssen, warum sie das Tuch trägt.
Auch bei der Suche nach einem Praktikumsplatz während ihrer Zeit in der Mittelschule habe sie Schwierigkeiten erlebt. "Ich war diejenige, die anders aussieht", erinnert sich Ghorbani. Sie habe zunehmend das Gefühl gehabt, anders behandelt zu werden als gleichaltrige Freundinnen.
Als sie später auf ein Gymnasium wechselte, fasste sie schließlich einen Entschluss: Das Kopftuch sollte weg.
Leicht war dieser Schritt für die damals 14-Jährige nicht. Schließlich hatte sie das Tuch jahrelang getragen. Zunächst setzte sie es bei Familienfeiern weiterhin auf, um Diskussionen zu vermeiden.
Doch irgendwann wollte sie dieses Hin und Her nicht mehr. "Ich will kein Doppelleben mehr führen", sagte sie sich. Gleichzeitig hatte sie Angst davor, mit dem Kopftuch auch einen Teil ihrer Herkunft und ihrer Zugehörigkeit zur Familie abzulegen. Ohne Tuch habe sie sich anfangs sogar nackt gefühlt.
Ihre Eltern bereitete sie auf ihre Entscheidung vor. Sie erklärte ihnen, dass sie eine höhere Schule besuchen, studieren und später einen guten Beruf haben wolle. Ihre Eltern akzeptierten den Schritt.
Schwieriger war die Situation bei anderen Verwandten. Ihren Großvater in Afghanistan und ihren Onkel im Iran hat sie bis heute nicht direkt darauf angesprochen – obwohl sie davon ausgeht, dass beide längst Bescheid wissen.
Der Augenblick, in dem sie das Kopftuch schließlich abnahm, ist Ghorbani bis heute im Gedächtnis geblieben. "Ich löste das Tuch vom Kopf, und dann fuhr der Wind durch mein Haar."
Für sie hatte die Entscheidung auch eine feministische Bedeutung. Besonders die Lage von Frauen in Afghanistan beschäftigt die Studentin. Dort werden Frauen unter der Herrschaft der Taliban massiv in ihren Rechten und Freiheiten eingeschränkt.
Ihre eigene Familie habe inzwischen ebenfalls Veränderungen erlebt. Mehrere Verwandte legten später ihr Kopftuch ab. Auch ihre Mutter trägt es laut Ghorbani inzwischen nur noch in bestimmten Situationen.
Das seit kurzem geltende Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren an Österreichs Schulen hält die 23-Jährige grundsätzlich für richtig. "Es ist ein wichtiger Schritt zum Schutz von Mädchen im Kindesalter, die dem Druck ihrer Eltern ausgesetzt sind". Bei sehr jungen Mädchen könne aus ihrer Sicht kaum von einer vollständig freien Entscheidung gesprochen werden.
Eine Beschränkung des Verbots auf die Volksschule hätte ihrer Meinung nach allerdings ausgereicht. Denn mit zwölf oder 13 Jahren würden Jugendliche zunehmend selbst darüber bestimmen wollen, was sie tragen. Genau hier werde ein pauschales Verbot kompliziert.
Ghorbani betont, dass ein Kopftuch unterschiedliche Bedeutungen haben könne. Es könne unter Zwang getragen werden, aber ebenso Ausdruck von Religion, kultureller Zugehörigkeit oder persönlicher Selbstbehauptung sein.
Ihre Verbindung zu Afghanistan hat Ghorbani trotz ihrer Erfahrungen nicht verloren. Kunst, Schrift und Musik ihrer Herkunftskultur bedeuten ihr weiterhin viel. Gleichzeitig beschäftigt sie die Entrechtung von Frauen in Afghanistan beinahe täglich.
Selbst Stress beim Lernen sehe sie deshalb mitunter aus einer anderen Perspektive: Die Möglichkeit, überhaupt lernen und studieren zu können, sei ein Privileg, das Frauen in Afghanistan vorenthalten werde.
2022 maturierte Ghorbani am Gymnasium der Ursulinen in Graz. Heute studiert sie Biomedical Engineering an der Technischen Universität Graz und arbeitet daneben beim Österreichischen Integrationsfonds.
Noch einmal ein Kopftuch anzulegen, kann sie sich derzeit nicht vorstellen. Sollte sich das eines Tages ändern, müsste die Entscheidung für sie jedenfalls aus freien Stücken und aus eigener Überzeugung fallen.