Es sind Zustände, wie es sie in Österreich leider seit Jahrzehnten gibt. Doch in der Öffentlichkeit finden die tragischen Schicksale – und die Ursachen dafür – leider nur wenig Beachtung. Außer, eine mutige Betroffene bricht ihr Schweigen. Aber selbst dann (siehe Fall Anna-Sophia) haben die Täter oft nur wenig zu befürchten.
In Salzburg wird aktuell viel über die Bahnhofsgegend debattiert. Über den Vorplatz zu den Zügen zu gehen, ist dort selbst Einheimischen unangenehm. Das Alkoholverbot wird von der Szene nur wenig beachtet. Eine Umgestaltung soll helfen.
Angrenzend gibt es viele dubiose Lokale und Wettcafés, die hohen Wohnobjekte in der anliegenden Fanny-von-Lehnert-Straße gelten als "Problemhäuser" oder gar "Drogenhäuser". Auch aktuell läuft wieder wegen eines rätselhaften Todesfalls ein Zeugenaufruf – "Heute" berichtete.
Berichte darüber haben die heute 14 Jahre alte Maria (Name geändert) dazu veranlasst, ihre Geschichte zu erzählen. "Ich möchte, dass die Leute verstehen, dass das alles real ist", sagt sie den "Salzburger Nachrichten". Wie ihr damals geht es heute noch vielen Mädchen in Salzburg.
Neun Monate lang war sie als damals 12- und 13-Jährige Teil einer "Bahnhofsclique". Es begann mit dem Auseinanderbrechen ihrer Familie, wobei auch dort sexueller Missbrauch schon eine Rolle spielte. Maria kam in eine Krisen-WG, wo ihr alles immer mehr egal wurde, die strengen Regeln wollte sie nicht einhalten.
Genau wie ein anderes Mädchen aus der WG, das sich immer wieder am Bahnhof herumtrieb. Gemeinsam hauten sie immer wieder ab, schliefen teilweise zwei Wochen lang jede Nacht woanders. Ein Mal wurden sie dabei von einem Mann angesprochen, der sie in seine Unterkunft einlud – dort kam es erstmals zu Übergriffen.
Trotzdem kehrte Maria immer zum Bahnhof zurück, es entstand eine eigene Clique nur aus Mädchen. "Es war eine Gemeinschaft", sagt sie den "SN", und erstmals wurden dann auch harte Drogen genommen.
Ein Abend führte die Mädchen in eine kleine Einzimmerwohnung nach Parsch. "Sie war richtig heruntergekommen, überall lagen Matratzen." Die Mädchen hatten dort für Drogen Sex – und gerieten immer stärker in eine Spirale aus Drogensucht und Ausbeutung. In mehr als einem Dutzend solcher Wohnungen sei sie gewesen, musste mehrmals selbst mit einem der Männer ins Bad mitgehen.
Als sie einmal alleine in der Wohnung war, bekam sie Heroin verabreicht und wurde völlig wehrlos. "Ich habe mitbekommen, wie drei Männer Dinge mit mir gemacht haben." Die Polizei hätte ihnen wegen der Drogenabhängigkeit und der vielen Delikte, die sie zur Geldbeschaffung selbst begingen, wohl nicht geglaubt.
Schockiert reagiert die Sozialsprecherin der Salzburger Grünen auf den Bericht. "Seit November 2025 ist dem zuständigen FPÖ-Landesrat die Situation bekannt. Passiert ist seither nichts. Die Mädchen sind noch immer ohne ausreichende Unterstützung", sagt Kimbie Humer-Vogl. Gefordert werden essere Schutz- und Betreuungsangebote für betroffene Mädchen sowie einen Runden Tisch mit Kinder- und Jugendhilfe, Polizei und Politik. "Die Strukturen müssen angepasst, die Sensibilität erhöht und Schutz in Krisensituationen verlässlich sichergestellt werden."
Mehrere andere Mädchen der Clique landeten zumindest zeitweise im Gefängnis, eine starb an einer Überdosis. Auch bei Maria war es mehrmals knapp, landete im Spital.
Vor etwa einem Jahr wurde entschieden, dass sie aus der WG genommen werden soll. Maria kam danach bei Verwandten unter, schwor den Drogen ab, geht mittlerweile wieder regelmäßig in die Schule, kämpft aber freilich immer noch mit dem Erlebten. "Was dort passiert, ist so falsch, von so vielen Menschen."