Spiele-Test

"Marvel's Wolverine" lässt endlich die Krallen sprechen

Logan ist zurück und dieses Mal geht es auf der PlayStation 5 deutlich härter zur Sache. Doch nicht jede der Ideen von "Marvel's Wolverine" sitzt.
Rene Findenig
14.09.2026, 17:34
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Bei meinem ersten Einsatz mit Logan zeigt sich, wohin die Reise geht. Hier schwingt niemand durch New York, sammelt Nebenaufgaben oder hält lange Reden. In "Marvel's Wolverine" geht es direkt zur Sache. Ich laufe durch die Umgebung, entdecke einen Gegnertrupp und weiß genau, was jetzt passiert: Krallen raus, Angriff, parieren, ausweichen, aufschlitzen und weiter. Das klingt simpel und genau das ist es auch. Trotzdem funktioniert diese Grundidee erstaunlich lange, weil Insomniac Games die Gewalt mit einem Kampfsystem verbindet, das Wolverines besondere Fähigkeiten für die Gamer spürbar macht. Logan ist kein eleganter Superheld, der seine Gegner trickreich oder mit möglichst wenig Aufwand ausschaltet.

Er steckt ein, schlägt zurück und kann alleine eine ganze Gruppe auseinandernehmen. "Marvel's Wolverine" erscheint am 15. September für PlayStation 5. Entwickelt wurde das Actionspiel von Insomniac Games, das bereits für die "Spider-Man"-Spiele verantwortlich war. Der Unterschied: Statt einer offenen Welt gibt es überwiegend geradlinige Abschnitte, die Geschichte und Kämpfe stärker in den Mittelpunkt rücken. Wer hier allerdings ein neues X-Men-Abenteuer erwartet, sollte seine Erwartungen anpassen. Die Geschichte konzentriert sich auf Logan und seine Vergangenheit. Professor X und Magneto spielen keine zentrale Rolle. Dafür tauchen mit Jean Grey, Sabretooth und Mystique bekannte Figuren aus dem Marvel-Universum auf.

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Eine für Logan beachtlich emotionale Handlung

Im Mittelpunkt steht außerdem Nathaniel Essex, dessen Entführung eine Entwicklung auslöst, die Logan immer tiefer in einen Konflikt mit Mutanten und deren Gegnern hineinzieht. Was mir an der Geschichte besonders auffällt: Wolverine ist nicht nur der Typ mit den drei Klingen an jeder Hand. Das Spiel beschäftigt sich mit seiner Erinnerung, Vergangenheit und den Folgen seiner Wut. Dadurch bekommt die Figur mehr Raum, als es die brutalen Kämpfe vermuten lassen. Die Beziehung zwischen Logan und Jean Grey trägt einen Teil der emotionalen Seite. Während die große Handlung rund um die Bedrohung und ihre Hintergründe teilweise recht früh erkennen lässt, wohin sie führt, funktionieren die persönlichen Momente deutlich besser.

Die Geschichte will nicht nur zeigen, wie stark Wolverine ist. Sie zeigt auch einen Mann, der nicht immer weiß, wer er eigentlich war und warum er zu dieser Figur geworden ist. Das macht auch für Spieler Sinn, die nicht jede Einzelheit aus den Comics kennen. Die Handlung setzt zwar auf bekannte Figuren und Motive, verlangt aber kein umfassendes Vorwissen. Gleichzeitig werden manche Informationen über Logans Vergangenheit nicht in der Hauptgeschichte erzählt. Spielerisch ist nach den Spider-Man-Spielen die Umstellung zunächst ungewohnt. Ich bekomme keine riesige Karte präsentiert, auf der alle paar Meter eine neue Aufgabe wartet. Stattdessen führt mich das Spiel durch kleinere, meist sehr lineare Bereiche.

Klassische Nebenmissionen gibt es überraschend nicht

Immer mal wieder gibt es Abzweigungen. Dort finde ich unter anderem Materialien für neue Anzüge oder sogenannte Albtraum-Level. Diese optionalen Abschnitte setzen auf kurze Herausforderungen, etwa Kämpfe, Parkour oder Aufgaben unter Zeitdruck. Klassische Nebenmissionen gibt es nicht. "Marvel's Wolverine" will offenbar nicht künstlich größer wirken, als es ist. Die Entwickler erzählen eine Geschichte und führen mich von einem Schauplatz zum nächsten. Das Tempo bleibt dadurch meistens hoch. Gleichzeitig fehlt aber auch ein Teil jener Freiheit, die man von modernen Actionspielen inzwischen gewohnt ist. Wer gerne eine große Welt erkundet, wird hier weniger zu tun finden. Optisch funktioniert das Konzept trotzdem gut.

Die Umgebungen reichen von engen Straßen und Gebäuden bis zu aufwendig inszenierten Action-Schauplätzen. Besonders die Lichtstimmung, Reflexionen und Kampfeffekte fallen auf. Die Grafik setzt nicht in jedem Bereich einen neuen technischen Maßstab, liefert aber detaillierte Figuren und überzeugend inszenierte Szenen. Der Kern des Spiels bleibt der Kampf. Und hier zeigt "Marvel's Wolverine" sehr deutlich, welche Figur ich steuere. Logan kämpft mit seinen Adamantium-Klauen, kann Angriffe parieren, ausweichen und Gegner aus kurzer Distanz anspringen. Das Parieren fühlt sich dabei besonders gut an. Wenn ein Angriff abgefangen wird, entsteht ein kontrollierteres Gefühl als beim bloßen Ausweichen.

Recht simples, aber extrem spaßiges Kampfsystem

Gleichzeitig kann Logan schnell auf entfernte Gegner zustürmen. Mit der Zeit kommen weitere Fähigkeiten dazu. Insgesamt stehen sechs Spezialfähigkeiten zur Verfügung, von denen jeweils vier gleichzeitig ausgerüstet werden können. Einige davon unterstützen die Heilung, andere verursachen Flächenschaden oder ermöglichen besonders harte Angriffe. Nach der Verwendung müssen sie sich allerdings erst wieder "aufladen". Das Kampfsystem besitzt auch eine Wutmechanik. Erfolgreiche Angriffe und besiegte Gegner füllen eine dreistufige Leiste. Je höher der Wert steigt, desto gefährlicher wird Logan. Auf der höchsten Stufe stehen besonders starke Finisher zur Verfügung. Interessant ist, dass die Wut nicht nur für Angriffe wichtig ist.

Auch die Heilung hängt damit zusammen. Logan kann sich zwar durch seine Mutation immer wieder regenerieren, doch das Spiel begrenzt diese Fähigkeit über das Wutsystem. Wer keine entsprechende Stufe mehr zur Verfügung hat, kann nicht einfach jeden erlittenen Schaden sofort wieder ausgleichen. Das sorgt dafür, dass ich nicht blind in jede Gruppe hineinlaufen kann. Zumindest theoretisch. In der Praxis wird es später teilweise ziemlich hektisch. Hier liegt die größte Schwäche des Kampfsystems. Gegen einzelne Gegner oder kleinere Gruppen macht es richtig Spaß, Angriffe zu lesen und im richtigen Moment zu reagieren. Sobald jedoch mehrere Gegner gleichzeitig angreifen, wird die Sache unübersichtlich.

Das Kampfsystem verbindet schnelle Nahkampfangriffe mit Parieren, Ausweichen, Sprüngen auf entfernte Gegner und sechs Spezialfähigkeiten.
Insomniac Games

Nicht immer spielt sich der Kampf komplett fair

Wenn Logan gerade in einer längeren Angriffsanimation steckt, kann er trotzdem getroffen werden. Das kann sich teilweise weniger nach einem Fehler meinerseits und mehr nach schlechtem Timing durch die Situation anfühlen. Die Kamera verschärft dieses Problem gelegentlich. Besonders wenn Logan an einer Wand oder in einer engen Ecke steht, ist es nicht immer einfach, den nächsten Angriff früh genug zu erkennen. Spätere Fähigkeiten helfen zwar, weil mehrere Angriffe gleichzeitig pariert werden können, das Grundproblem verschwindet dadurch aber nicht vollständig. Auch fällt auf, dass sich das Kampfsystem kaum entwickelt. Neue Fähigkeiten und Gegner ändern das Grundprinzip nicht.

Ich greife an, pariere, weiche aus und setze Spezialfähigkeiten ein. Dazu kommt der Sprung auf entfernte Gegner. Das reicht für eine Weile, aber irgendwann kenne ich die Abläufe. In Sachen Brutalität wird dagegen nicht gespart. Die Klauen schneiden durch Gegner, Blut spritzt über den Bildschirm und bei Angriffen werden auch Verstümmelungen dargestellt. Die Altersfreigabe ab 18 Jahren kommt deshalb nicht überraschend. Die Gewalt wird nicht nur als Schockeffekt eingesetzt, sie gehört zum Kampfstil der Figur. Wolverine ist eben kein Spider-Man – wer es etwas weniger blutig mag, kann die entsprechenden Effekte in den Optionen reduzieren. In Zwischensequenzen werden Inhalte dann ebenfalls nur noch abgeschwächt dargestellt.

Die Inszenierung überzeugt vor allem bei größeren Action-Szenen, während die Erkundung und manche Nebeninhalte weniger abwechslungsreich ausfallen.
Insomniac Games

Spiel ist umfassend für alle Spieler anpassbar

Auch bei den Barrierefreiheitsoptionen geht das Spiel weit. Es gibt fünf Schwierigkeitsstufen, wobei die niedrigste Variante so ausgelegt ist, dass Spieler nicht sterben können. Dazu kommen unter anderem ein Screenreader sowie Einstellungen für Hörwahrnehmung, Bewegungsempfindlichkeit sowie motorische und visuelle Einschränkungen. Auch die Geschwindigkeit bestimmter Verfolgungssequenzen lässt sich anpassen. Die Bosskämpfe sind übrigens, was am Game wohl am längsten in Erinnerung bleibt. Wenn Logan gegen einen riesigen Gegner kämpft oder sich während einer spektakulären Sequenz durch eine gefährliche Situation bewegt, merkt man, wie stark Insomniac solche Momente inszenieren kann.

Doch auch hier gilt: Die Kämpfe sehen dank unterschiedlicher Animationen und Effekte zwar immer wieder anders aus, spielerisch bleiben die Unterschiede überschaubar. Das ist einer der Punkte, an denen "Marvel's Wolverine" hinter seinen Möglichkeiten bleibt. Technisch macht das Spiel einen guten Eindruck. Die Charaktermodelle sind detailliert, die Beleuchtung funktioniert überzeugend und die großen Szenen sind auf Wirkung ausgelegt. Die Inszenierung profitiert außerdem von den wechselnden Schauplätzen. Bei der Erkundung bleibt aber Luft nach oben. Wer hier eine Sammlung von Nebenaufgaben oder umfangreiche Entdeckungen erwartet, wird enttäuscht. "Wolverine" braucht aber nicht zwingend eine riesige Spielwelt, um zu funktionieren.

"Marvel's Wolverine" will kein "Spider-Man" sein

Eine der interessanteren Zusatzaktivitäten sind die Albtraum-Portale. Die Aufgaben liefern zusätzliche Informationen über Logans Vergangenheit. Die Herausforderungen können beispielsweise darin bestehen, innerhalb einer bestimmten Zeit ein Ziel zu erreichen, Gegnerwellen zu besiegen oder bestimmte Kampfaktionen auszuführen. Die Belohnungen werden allerdings überwiegend als vertonte Texte präsentiert und nicht in aufwendig produzierten Zwischensequenzen erzählt. Das ist schade, weil gerade die Vergangenheit von Logan zu den stärkeren Elementen der Geschichte gehört. Verfolgungsjagden, größere Action-Szenen und einzelne spektakuläre Momente lockern aber normale Kämpfe und Story auf.

Der vielleicht wichtigste Punkt des gesamten Spiels ist deshalb auch der offensichtlichste: "Marvel's Wolverine" will kein "Spider-Man" sein. Wer die offene Welt, die Bewegungsfreiheit und die vielen Nebenaktivitäten der "Spider-Man"-Spiele erwartet, wird sich umstellen müssen. "Wolverine" funktioniert wesentlich geradliniger. Dafür passt das Spiel den Inhalt stärker an seine Hauptfigur an. Logan bewegt sich nicht elegant durch die Stadt. Er rennt, springt, klettert und stürzt sich auf seine Gegner. Sein Kampfstil ist aggressiver. Das spiegelt sich auch in der Gestaltung der Auseinandersetzungen wider. Diese Entscheidung gefällt mir grundsätzlich. Sie verhindert außerdem, dass Wolverine wie ein umgebauter Spider-Man wirkt.

Fazit: Einmal tatsächlich wie Wolverine kämpfen

Rund 15 bis 20 Stunden sind schnell vorbei – bei der Spielzeit bleibt "Marvel's Wolverine" überschaubar. Das Spiel zieht die Handlung nicht in die Länge und verzichtet auf eine Menge an Füllmaterial. Andererseits fällt stärker auf, dass einige Kampfelemente wiederholt werden. Für mich funktioniert die überschaubare Länge trotzdem besser als eine künstlich aufgeblähte Kampagne. "Marvel's Wolverine" macht etwas, das zunächst simpel klingt und trotzdem nicht leicht umzusetzen ist: Es lässt mich tatsächlich wie Wolverine kämpfen. Das Kampfsystem ist darauf ausgerichtet, Logan als aggressiven Nahkämpfer darzustellen. Parieren macht Spaß, Spezialfähigkeiten sind spektakulär und das Wutsystem hält Heilung und Schaden im Zaum.

Die größte Schwäche ist aber nicht die Brutalität, sondern die spielerische Abwechslung. Das Spiel kann spektakulär aussehen und sich wuchtig anfühlen, aber es gibt manchmal nicht genug unterschiedliche Situationen, um überraschen zu können. Doch das macht aus dem Game noch immer einen sehr guten Actiontitel. Logan wird nicht nur als Muskelpaket mit Metallklauen dargestellt. Seine Vergangenheit, seine Erinnerung und seine Beziehung zu anderen Figuren geben ihm mehr Tiefe. Auch die lineare Struktur passt insgesamt. Wer Logan mag und mit einem linearen Actionspiel leben kann, bekommt eine unterhaltsame Kampagne mit einer gelungenen Hauptfigur, starken Inszenierungen und sehr viel Gewalt.

rfi,Akt. 14.09.2026, 17:37, 14.09.2026, 17:34