Millionen Besucher, volle Lokale und ausgelassene Stimmung: Während des Oktoberfests herrscht in München mehr als zwei Wochen lang Ausnahmezustand. Besonders zu spüren bekommen das jene Menschen, die direkt rund um die Theresienwiese wohnen.
Studentin Rahel (24) lebt auf der Schwanthalerhöhe und kennt beide Seiten der Wiesn. Sie geht selbst mit Freunden feiern und freut sich über volle Cafés, Restaurants und Bars. Für die Betriebe im Viertel sei das Oktoberfest ein "willkommener Wirtschaftsboost". Doch für die junge Frau hat das Volksfest auch eine beunruhigende Seite.
"Es gab mehrere Vorfälle, bei denen mir Männer gefolgt sind", berichtet die 24-Jährige laut FOCUS online. Besonders ein Erlebnis ist ihr im Gedächtnis geblieben. Rahel war am Morgen auf dem Heimweg von einer Feier, als sie bemerkte, dass sie unerwünschte Begleitung hatte.
Hilfe fand sie schließlich in einem Café, dessen Mitarbeiter gerade die Öffnung vorbereiteten. "Ich bin dort rein, und sie sind eingeschritten", erzählt die Studentin. Für Rahel zeigt der Vorfall auch, wie wichtig Nachbarschaftshilfe während der Wiesn ist. Gleichzeitig beobachtet sie, dass manche Besucher Grenzen überschreiten würden. "Viele, vor allem die Touristen, kennen die Grenzen nicht", sagt sie.
Ihr Fazit fällt deshalb gemischt aus: "Es ist schön, den Trubel für zwei Wochen zu haben. Aber es ist auch schön, wenn er vorbei ist."
Ähnliche Erfahrungen schildert Anwohnerin Ina. Seit 13 Jahren lebt sie im Viertel. Während des Oktoberfests finde sie dort mitunter Drogenspritzen, nachts werde sie von lautstarken Auseinandersetzungen auf der Straße geweckt.
Seit sie eine elfjährige Tochter hat, nehme sie den Trubel zudem anders wahr. "Jetzt würde ich am liebsten fliehen", sagt die Mutter. Auch Ina wurde nach eigenen Angaben bereits bis zu ihrer Haustür verfolgt – und das sogar tagsüber. "Das bleibt im Hinterkopf", erzählt sie.
Doch nicht alle Entwicklungen werden von den Anwohnern negativ bewertet. Doris und Katharina leben bereits seit vielen Jahren in der Gegend und erinnern sich an deutlich chaotischere Zeiten. Vor rund 20 Jahren hätten betrunkene Besucher häufig im Viertel gelegen oder öffentlich uriniert. "Das funktioniert jetzt besser", sagt Doris. Durch die Absperrungen rund um das Festgelände würden sich Besucher heute häufiger direkt in Richtung U-Bahn bewegen.
Katharina erinnert sich noch an Situationen, in denen sie während der Wiesn mit ihren kleinen Kindern durch den Bavariapark ging und dort auf Betrunkene beim Sex stieß.
Im vergangenen Jahr sorgte hingegen ein orientierungsloser Wiesn-Besucher für eine ungewöhnliche Rettungsaktion: Der Mann hatte sich auf das Garagendach von Nachbarn verirrt und sich eingenässt. Die Bewohner halfen ihm herunter, gaben ihm neue Kleidung und unterstützten ihn dabei, wieder zu seinem Hotel zu gelangen.
Sorge bereiten Katharina als Mutter von zwei Töchtern vor allem Berichte über sexuelle Übergriffe rund um das Oktoberfest.
Deutlich entspannter erlebt Bar-Betreiber Marco die Wiesn. Der 26-Jährige eröffnete gemeinsam mit seiner Mutter und seinem Stiefvater die Bar "Why Not" in der Gollierstraße. Trotz langer Öffnungszeiten habe es bisher keine größeren Probleme gegeben. Untertags sei die Situation entspannt, niemand habe sich in der Bar übergeben und auch bei der Nachtruhe hätten sich die Gäste weitgehend an die Regeln gehalten.
Ganz ohne Folgen bleibt das Feiern allerdings nicht: Rund 20 Biergläser und fünf Weingläser seien in den ersten beiden Wochen zu Bruch gegangen. Marco nimmt es gelassen: "Das sind Kollateralschäden. Man muss wissen, welches Risiko man eingeht." Entscheidend sei für ihn aber, dass die Nachbarschaft trotz Oktoberfest möglichst ruhig schlafen kann.