Eine Stunde später hätte der Wind bereits deutlich nachgelassen. Doch die "Mein Schiff 3" verließ den Hafen von Bremerhaven schon gegen 17.20 Uhr und kollidierte kurz darauf mit zwei Containerschiffen. Jetzt beschäftigen sich die Ermittler mit der Frage, ob Kapitän Jan F. S. angesichts des stürmischen Wetters überhaupt hätte ablegen dürfen.
Gleichzeitig sorgt eine Entscheidung der Reederei TUI Cruises für Aufsehen: Bilder und Videos des Kapitäns wurden laut "Bild" vorübergehend aus dem Internet entfernt.
Noch vor wenigen Wochen hatte TUI Cruises den beruflichen Werdegang von Jan F. S. öffentlich präsentiert. Unter anderem gab es Videos auf Facebook, die seinen Aufstieg vom Tellerwäscher zum Kapitän zeigten.
Seit Montagmorgen ist S. auf der Internetseite der Reederei jedoch nicht mehr in der Übersicht der Kapitäne zu finden. Auch die entsprechenden Videos sind nicht mehr abrufbar. Auf Anfrage der "Bild" bestätigte TUI Cruises, dass die Inhalte vorerst ausgeblendet wurden.
"In der aktuellen Situation konzentrieren wir unsere Kommunikation bewusst auf die relevanten Informationen zum Vorfall und bündeln diese auf unserer Website. Andere Inhalte haben wir daher vorübergehend ausgeblendet."
Kapitän S. hatte erst am 13. September das Kommando über die "Mein Schiff 3" übernommen. Rund sechs Wochen später steht nun seine Entscheidung im Mittelpunkt der Ermittlungen.
Am Sonntagabend wollte das Kreuzfahrtschiff mit 2.428 Passagieren an Bord von Bremerhaven aus zu einer Reise auf die Kanarischen Inseln aufbrechen. Die Wetterbedingungen waren zu diesem Zeitpunkt allerdings schwierig.
Als die "Mein Schiff 3" gegen 17.20 Uhr ablegte, herrschte Windstärke 6. Das entspricht auf der Beaufortskala Windgeschwindigkeiten von etwa 39 bis 49 km/h. Im Laufe des Tages waren zudem Sturmböen mit bis zu 95 km/h registriert worden.
Die Sturmwarnung galt noch bis 18 Uhr. Rund eine Stunde nach dem Ablegemanöver schwächte sich der Wind merklich ab. Ob ein späterer Aufbruch die Kollision verhindert hätte, ist damit allerdings nicht geklärt.
Ein anderes Kreuzfahrtschiff hatte zuvor auf die Wetterlage reagiert: Die "MSC Preziosa" änderte ihren Kurs und suchte in Bremerhaven hinter der "Mein Schiff 3" Schutz vor dem Sturm.
Nicht nur der Wind machte das Ablegen schwierig. Die "Mein Schiff 3" verließ den Liegeplatz bei ablaufendem Wasser. Die Strömung drückte das große Kreuzfahrtschiff zusätzlich in Richtung der festgemachten Containerschiffe.
An Bord befand sich zu diesem Zeitpunkt auch ein Hafenlotse, der den Kapitän beim Manöver beriet. Für die anschließende Fahrt in Richtung Nordsee wäre später ein Seelotse vorgesehen gewesen. So weit kam es jedoch nicht.
Wenige Minuten nach dem Ablegen von der Columbuskaje stieß die "Mein Schiff 3" mit zwei Frachtern zusammen.
Die Wasserschutzpolizei Bremen untersucht nun den Unfallhergang. Dabei wird auch gegen Kapitän S. ermittelt. Im Raum steht die Frage, ob er mit seiner Entscheidung, bei den herrschenden Wetterbedingungen auszulaufen, seine Sorgfaltspflicht verletzt haben könnte.
Ob tatsächlich ein Fehlverhalten vorliegt, müssen die Ermittlungen erst zeigen. Für den Kapitän gilt die Unschuldsvermutung. TUI Cruises erklärte gegenüber der "Bild":
"Selbstverständlich unterstützen wir die zuständigen Behörden bei der Aufklärung des Vorfalls. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns zu den laufenden Untersuchungen aktuell nicht äußern."
Die Kollision hat für die Reederei und die betroffenen Frachter erhebliche Folgen. Die geplante Kanaren-Kreuzfahrt für 2.428 Passagiere musste abgesagt werden. Auch der Sachschaden ist beträchtlich. Am größeren der beiden Frachter, der "MSC Victorine", wurde die Backbordseite auf mehreren Metern Länge beschädigt.
Zahlreiche Container müssen von dem Schiff abtransportiert werden. An der "Mein Schiff 3" entstanden ebenfalls schwere Schäden, unter anderem an mehreren Rettungsbooten. Beide Schiffe müssen zur Reparatur in eine Werft. Der Frachter soll laut "Bild"-Informationen am Donnerstag ins Dock gebracht werden.
Während die Reparaturarbeiten vorbereitet werden, bleibt eine entscheidende Frage offen: Warum legte die "Mein Schiff 3" trotz der Sturmwarnung ab, obwohl der Wind kurz darauf nachließ?