Mit 40 in Pension? So viel Geld musst du dafür ansparen

Frugalisten sparen bis zu 70 Prozent ihres Einkommens, um möglichst früh in den Ruhestand zu gehen (Symbolbild).
Frugalisten sparen bis zu 70 Prozent ihres Einkommens, um möglichst früh in den Ruhestand zu gehen (Symbolbild).Getty Images
Ihr Ziel ist es, mit 40 in den Ruhestand zu gehen und finanziell unabhängig zu leben. Dafür sparen Frugalisten bis zu 70 Prozent ihres Einkommens.

Der deutsche Softwareentwickler Oliver Noelting lebt von 870 Euro im Monat. Der Rest seines monatlichen Einkommens wird angespart. Sein Ziel ist es, so früh wie möglich finanzielle Freiheit zu erlangen. Der 32-Jährige zählt zu den bekanntesten Frugalisten Deutschlands und bloggt auch darüber.

Der Begriff „Frugalismus“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie "einfach" oder "genügsam". Der Trend zu einem sparsamen und bescheidenen Leben entstand 2008 zur Zeit der Finanzkrise in den USA.

Keine Einschränkungen

Mittlerweile gibt es im deutschsprachigen Raum eine große Anhängerschaft. Auf der Plattform "frugaslisten.de" tauschen sich Personen aus der Szene über Spartipps und ihre Lebenskonzepte aus. Im Wesentlichen geht es darum, so viel Geld anzusparen, damit man möglichst früh in Pension gehen kann.

Doch das alternative Lebenskonzept soll keine Einschränkung darstellen, den Frugalisten geht es viel mehr um Werte wie Unabhängigkeit, Glück und die Abkehr vom Materialismus. Sie sind davon überzeugt, dass ein glückliches Leben auch mit einfachen Mitteln möglich ist.

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Auch Noelting hat nicht das Gefühl, auf irgendetwas verzichten zu müssen. Er spart 60 Prozent seines Einkommens, wie er dem "Business Insider" verriet. Mit seiner Freundin und der gemeinsamen Tochter wohnt er in einer 46 Quadratmeter großen Zwei-Zimmer-Wohnung. Wenn Dinge kaputt gehen, repariert er sie.

"Materieller Konsum macht mich nicht glücklich"

"Materieller Konsum macht mich nicht glücklich. Glücklich machen mich andere Dinge: Zeit mit Freunden und der Familie, Sport, meine Komfortzone zu erweitern", erklärte der Softwarentwickler gegenüber dem "Standard".

Noelting führt ein Haushaltsbuch und trägt seine Einnahmen und Ausgaben jedes Monat in eine Excel-Tabelle ein. Man könne nach seinen Ansichten schon mit kleinen Schritten viel Geld sparen, indem man etwa den Stromanbieter wechselt oder das Mittagessen selbst ins Büro mitbringt.

Vier-Prozent-Regel oder das 25-fache der jährlichen Ausgaben

Doch wie funktioniert das Frugalismus-Konzept tatsächlich? Im Grunde geht es darum, möglichst viel einzunehmen, dabei so wenig wie möglich auszugeben und zusätzlich gewinnbringend zu investieren.

Viele befolgen dabei die Vier-Prozent-Regel: Wer jährlich nur vier Prozent seiner Ersparnisse aufbrauchen muss, kann von seinem Vermögen mindestens 30 Jahre lang leben – dank Zinsen benötige man gar kein Einkommen mehr. 

Eine weitere Faustregel lautet, dass man etwa das 25-Fache seiner jährlichen Ausgaben braucht, um finanzielle Unabhängigkeit zu erreichen. Die Voraussetzung dabei: Der finanzielle Lebensstil verändert sich in den darauffolgenden Jahren nicht. Als Beispiel: Wenn man schon mit 1.000 Euro im Monat (12.000 im Jahr) auskommt, müsste man 300.000 Euro (12.000 x 25) ansparen und investieren. 

Diese Rechenart stammt von dem Kanadier Peter Adeney. Er gilt als Wegbereiter der Bewegung und sorgte als Blogger unter dem Pseudonym "Mr. Money Mustache" für Aufsehen. Mit 30 hatte er genug zurückgelegt, um seinen Job als Softwaretechniker zu kündigen. 

Finanzielles Risiko

Frugalisten benutzen unterschiedliche Anlagestrategien, um ihr Ziel zu erreichen. Denn die Höhe der Rendite spielt eine wesentliche Rolle. Viele investieren in Immobilien oder Aktien, andere bevorzugen ETFs, also Fonds, die einen Börsenindex nachbilden. Wissen und Kenntnisse über Finanzprodukte sind dafür Voraussetzung.

Der Frugalismus-Trend wird aber auch zunehmend kritisiert. Nur Besserverdiener könnten sich einen derartigen Lebensstil leisten, heißt es etwa. Auch Krisen oder unerwartete Ereignisse, wie z.B. ein plötzlicher Jobverlust oder eine Krankheit, sind in der Rechnung nicht integriert.

"Als Frugalist zu starten, ist ja vorerst eine Momentaufnahme, doch das Leben verändert sich. So kann eine Familienplanung oder Scheidung hinzu kommen", erklärt der deutsche Vermögensberater Dennis Buchmann im "Handelsblatt". 

Zudem besteht immer auch ein finanzielles Grundrisiko, wenn man in Aktien und Fonds investiert. Diese Schwankungen sollte man einkalkulieren und sein Vermögen entsprechend sicher veranlagen. Auch müssen für diesen Lebensstil auch die passenden Ressourcen vorhanden sein. Was für Frugalisten oft keine Einschränkung darstellt, wie etwa ohne Auto oder in einer kleinen Wohnung zu leben, wäre für andere Menschen undenkbar.

Fast keine Zinsen

"Gerade vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie ist das Frugalismus-Modell für manche ein interessantes und erstrebenswertes Lebensmodell. Das Unterfangen ist angesichts des bekannten aktuellen Zinsumfeldes allerdings schwierig. Und nicht jeder hat die Möglichkeit, den Großteil seines Einkommens anzusparen", heißt es seitens der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien auf "Heute"-Anfrage.

Wie ein AK-Zinsentest bei 32 Banken in Österreich im Oktober 2020 ergab, sind die Sparbuchzinsen wirklich in den Keller gerasselt. Im Schnitt bekommen Sparer für täglich fällige Sparbücher 0,01 Prozent. Mit reinen Zinsen oder Anleihen funktioniert das Modell laut Finanzexperten daher nicht. Frugalisten müssen somit auf dividendenstarke Titel, also Aktien, die viel Gewinn jährlich ausschütten, setzen. Ein Restrisiko bleibt.

Wissenschaftliche Daten oder Studien über Frugalisten gibt es bislang nicht, dafür ist der Trend noch zu jung. In Deutschland haben es ein paar wenige geschafft. Einer von ihnen ist der Berliner Lars Hattwig (siehe Video oben). Er hat mit Mitte 40 seinen Job an den Nagel gehängt. Sparsam lebt er immer noch. Damit ihm nicht langweilig wird, arbeitet er freiberuflich als Finanzberater. Aber nur so viel wie er möchte: "Für mich ist fast jeder Tag ein Urlaubstag. Ich habe nie das Gefühl, gestresst zu sein."

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