Der Fall Anna erschütterte vergangenes Jahr ganz Österreich. Schockierend waren nicht nur die Dinge, die dem damals 12 und 13 Jahre alten, heute 14-jährigen Mädchen, angetan wurden. Sondern auch die Urteile sorgten für Entsetzen. Viele der Angeklagten erschienen mit protzigen, breiten Grinsern vor Gericht, erzählten, das Kind hätte all das selbst gewollt – die allermeisten kamen tatsächlich mit einem Freispruch davon.
Nach langer Funkstille meldet sich jetzt die Mutter des Opfers zu Wort. Sie hat ein Buch über die aufwühlende Zeit geschrieben, es trägt den Titel "Anna – die wahre Geschichte meiner Tochter". Die 38-Jährige zeichnet darin ein beklemmendes Bild jener Ereignisse, die ihre Familie für immer verändert haben ("Heute" berichtete).
Warum sich die Mutter das angetan hat? "Zu meiner eigenen Traumabewältigung. Und weil ich hoffe, dadurch endlich einiges begreiflich zu machen", sagt die Krankenpflegerin und Alleinerziehende in der "Kronen Zeitung". Im Buch schildert sie, wie Anna immer ruhiger und verschlossener wurde, auf keine Hilfsangebote reagierte, und plötzlich einen "Freund" vorstellte.
Dieser habe der Mutter erzählt, was ihm wiederum andere Burschen im Park erzählt – und welche Videos sie ihm gezeigt – hätten. "Ich hörte dabei Dinge, die keine Mutter je hören möchte. Die mir das Herz zerrissen. Die Wut und Trauer und Angst in mir weckten."
Doch statt Halt und Sicherheit fand Anna in ihrem neuen Freund direkt die nächste Tragödie. Er manipulierte sie, versuchte sie zu isolieren, überhäufte sie mit eifersüchtigen Nachrichten. Schließlich wurde Anna sogar schwanger, trieb das Kind ab. Nach einem Schulwechsel begriff sie langsam, dass die Beziehung ihr mehr schadet und trennte sich endlich von ihm.
Dann kam der Prozess und damit das Medieninteresse. Besonders zugesetzt haben der Mutter die Kommentare. "Zorn stieg in mir hoch. Diese Menschen, die anonym irgendetwas im Internet veröffentlichten, hatten keine Ahnung, wer wir waren. Wie Anna war, wie ich war. Sie kannten uns nicht und trotzdem urteilten sie. Gerne hätte ich ihnen gezeigt, wie sehr ich mich für meine Kinder einsetzte, wie ich kämpfte, bis ich selbst nicht mehr konnte. Jeder dieser bösen Kommentare tat weh", sagt sie der "Krone".
Aus Angst vor Racheaktionen zog die Familie letztlich sogar um. Denn zu befürchten hatten die Jugendlichen offenbar nichts, wie Vorkommnisse vor Gericht zeigten. "Auf dem Gang war einer der Angeklagten gesessen. Er hatte sie höhnisch angegrinst. Er wollte ihr zeigen, er hatte keine Angst. Nicht vor ihr und nicht vor dem österreichischen Gesetz. Wie sich am Ende herausstellte, sollte er recht behalten."
Vor Gericht habe eine totale Täter-Opfer-Umkehr stattgefunden. Kritische, vorwurfsvolle Fragen habe es nur Anna gegenüber, aber nicht zu den Männern gegeben. "Meine Tochter, eine Lügnerin. Das war also, was das Gericht glaubte."
Und heute? "Ihr Zustand wird langsam besser. Sie schmiedet Zukunftspläne. Sie verbringt Zeit mit lieben Freundinnen." Allgemein sei sie aber sehr ängstlich geworden.