Ein dichtes Netz aus Überwachungskameras sollte im Iran eigentlich die Macht sichern – doch genau diese Technik könnte nun zum Verhängnis geworden sein. Beim Tod von Ober-Mullah Ajatollah Ali Chamenei sollen ausgerechnet die eigenen Kontrollsysteme eine zentrale Rolle gespielt haben.
Was wie ein Szenario aus einem Spionagefilm klingt, ist laut Berichten bitterer Ernst: Kameras, die zur Überwachung der Bevölkerung installiert wurden, könnten Bewegungsdaten geliefert haben, die schließlich zur gezielten Tötung führten, berichtet die "Bild". Der Experte Conor Healy von der Fachpublikation IPVM bringt die paradoxe Lage auf den Punkt: "Die Ironie besteht darin, dass die Infrastruktur, die autoritäre Staaten errichten, um ihre Herrschaft unangreifbar zu machen, ihre Machthaber für diejenigen, die sie töten wollen, am sichtbarsten macht".
Weltweit erfassen Millionen Kameras das Geschehen auf Straßen und an Gebäuden – oft nur unzureichend geschützt. In Konflikten werden diese Systeme zunehmend strategisch genutzt: Sie liefern detaillierte Bewegungsprofile, helfen bei der Identifikation von Zielen und dokumentieren sogar die Folgen von Angriffen. Durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz lassen sich diese Datenmengen heute in Echtzeit auswerten.
Auch im Fall Chamenei sollen solche Technologien eine Rolle gespielt haben. Berichten zufolge habe Israel Bewegungen des iranischen Führers über Kameras im Land nachverfolgt. Insider bestätigten der Nachrichtenagentur AP anonym, dass Systeme gehackt worden seien – ergänzt durch weitere nachrichtendienstliche Methoden.
Dass Überwachungstechnik ein Einfallstor sein kann, ist seit Jahren bekannt. Bereits 2019 zeigte Sicherheitsingenieur Paul Marrapese, wie leicht sich viele Kamerasysteme kompromittieren lassen. Millionen Geräte seien weiterhin ungeschützt.
Allein in diesem Jahr entdeckte er weltweit fast drei Millionen frei zugängliche Kamerafeeds – rund 2000 davon im Iran. Häufig seien einfache Passwörter wie "1234" im Einsatz oder es fehle jeglicher Schutz. Selbst abgeschottete Netzwerke seien nicht sicher, wenn Insider Zugriff haben.
Im Iran ist die Dichte an Überwachung besonders hoch. Vor allem in Teheran überwachen Zehntausende Kameras den Alltag – etwa zur Kontrolle von Protesten oder zur Durchsetzung der Kopftuchpflicht. Gleichzeitig gelten viele Systeme als veraltet und anfällig, auch wegen Sanktionen und verbreiteter Raubkopien. In der Vergangenheit konnten Hacker wiederholt auf Kameras zugreifen und Aufnahmen veröffentlichen.
So entsteht ein System, das nicht nur zur Kontrolle im Inneren dient, sondern offenbar auch von außen ausgenutzt werden kann. Für militärische Entscheidungen spielen solche Bilder eine zentrale Rolle. Der frühere Schin-Bet-Mitarbeiter Amit Assa erklärt: Kameras helfen, Ziele eindeutig zu identifizieren. Wenn das Gesicht sichtbar sei, erleichtere das die Entscheidung, "den Finger auf den gelben Knopf zu legen, wie wir sagen".