"Gibt keine Tabus mehr"

Oberst Reisner deckt Putins neue Kriegsstrategie auf

Russland greift laut Oberst Markus Reisner zunehmend zivile Infrastruktur an. Doch die Ukraine gerät auch wegen der USA unter Druck.
12.10.2026, 20:49
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Drei beschädigte Rechenzentren, Angriffe auf zivile Infrastruktur und wachsende Unsicherheit bei der Unterstützung durch die USA: Die Lage im Ukraine-Krieg spitzt sich aus Sicht von Oberst Markus Reisner weiter zu. Der Militärexperte warnt davor, die Folgen der Angriffe auf russische Technologieanlagen zu überschätzen. Gleichzeitig sieht er die Ukraine durch den Kurs von US-Präsident Donald Trump zunehmend unter Druck.

Im Interview mit "ntv.de" spricht Reisner über mögliche Auswirkungen der beschädigten Rechenzentren des russischen Technologiekonzerns Yandex, die Bedeutung amerikanischer Aufklärungsdaten und Russlands Angriffe auf zivile Ziele. Seine Einschätzung: Moskau setze neben militärischen Operationen verstärkt darauf, die ukrainische Bevölkerung zu zermürben.

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Angriffe auf Rechenzentren treffen Russlands Propaganda

Seit dem 8. Oktober wurden Rechenzentren von Yandex in Sassowo, Kaluga und Wladimir beschädigt. Die Ausfälle betrafen zahlreiche digitale Dienste und Unternehmen. Reisner hält es für möglich, dass auch russische Desinformationsnetzwerke betroffen sind. Belegt sei ein solcher Zusammenhang allerdings noch nicht.

Russland setze bei der Einflussnahme auf die öffentliche Meinung auf ein umfangreiches Netzwerk aus sogenannten Trollfarmen und automatisierten Accounts. Diese verbreiten oder verstärken Inhalte, indem sie Beiträge liken, kommentieren und selbst veröffentlichen. Dadurch können bestimmte Botschaften in sozialen Netzwerken sichtbarer werden.

Reisner beschreibt das dahinterstehende System als Zusammenspiel mehrerer russischer Geheimdienste und staatlicher Stellen. Die Beschädigung von Rechenzentren könnte solche Aktivitäten beeinträchtigen, sofern keine Ersatzkapazitäten verfügbar sind. Allerdings könnten russische Akteure ihre Infrastruktur auch in befreundete Staaten verlagern. Der Experte verweist dabei auf China und Nordkorea.

USA könnten für Kiew zum Problem werden

Sorgen bereitet Reisner vor allem die Entwicklung der amerikanischen Ukraine-Politik. US-Präsident Donald Trump nähere sich aus seiner Sicht dem Kreml an und erhöhe gleichzeitig den Druck auf den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Dabei gehe es auch um wirtschaftliche Interessen und mögliche Vereinbarungen mit Russland.

Besonders schwerwiegend wären Einschränkungen bei der amerikanischen Satellitenaufklärung. Die Ukraine nutzt solche Daten, um russische Stellungen und militärische Infrastruktur zu identifizieren und Angriffe zu planen. Frankreich und Großbritannien könnten einen Teil der Informationen ersetzen, laut Reisner aber nicht in vergleichbarem Umfang.

Auch die Analyseplattformen Maven und Prisma des US-Unternehmens Palantir könnten diese Lücke nicht schließen. Sie verarbeiten zwar unterschiedliche Informationen, darunter Daten aus der Drohnenaufklärung und von Sensoren, sind laut Reisner aber in wesentlichen Bereichen auf Satellitendaten angewiesen.

Der Experte warnt deshalb vor den Folgen, sollte Washington die Weitergabe solcher Informationen einschränken. Die Ukraine könnte russische Ziele dann nicht mehr mit derselben Präzision angreifen. Trump drohe zudem damit, das Beschaffungssystem PURL einzustellen, über das die Ukraine mit Waffen versorgt wird.

Reisner kritisiert auch Europa

Reisner richtet seine Kritik allerdings nicht nur an Washington. Europa müsse sich ebenfalls an den eigenen Entscheidungen messen lassen. Er verweist auf russische Flüssiggasimporte und die damit verbundenen Zahlungen an Moskau. Nach seiner Darstellung haben europäische Staaten innerhalb von neun Monaten mehr als 7,9 Milliarden Euro für russisches Flüssigerdgas ausgegeben.

Solche Geschäfte würden die Glaubwürdigkeit europäischer Bemühungen schwächen, die wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland zurückzufahren. Gleichzeitig bleibe Europa bei der Produktion von Flugabwehrsystemen und entsprechender Munition hinter den USA zurück. Die europäischen Staaten könnten daher weder die amerikanische Unterstützung vollständig ersetzen noch ihre Abhängigkeit von einzelnen militärischen Fähigkeiten kurzfristig beseitigen.

"Für Putin gibt es keine Tabus mehr"

Besonders alarmiert zeigt sich Reisner angesichts der russischen Angriffe auf zivile Infrastruktur. Er beschreibt den Einsatz von Drohnen mit Jetantrieb, ballistischen Raketen und Marschflugkörpern als Teil einer Strategie, die weit über militärische Ziele hinausgehe. Neben Anlagen für die Stromversorgung würden auch Tankstellen, Supermärkte, Brücken, Eisenbahnverbindungen und Wohngebäude angegriffen. Damit werde das Leben der Bevölkerung zusätzlich erschwert.

Reisner sieht darin den Versuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin, die Ukrainer durch anhaltende Angriffe zu zermürben, während Russland an der Front nur begrenzte Fortschritte erziele. "Offensichtlich hat Putin entschieden, dass es keine Tabus mehr gibt mit Blick auf Luftangriffe", sagt Reisner im Interview. Die Angriffe auf die Bevölkerung könnten vor allem im Winter schwerwiegende Folgen haben, wenn die Energieversorgung besonders wichtig ist.

Waffenruhe bleibt ungewiss

Auch die Aussicht auf eine Waffenruhe für Energieinfrastruktur bewertet Reisner vor diesem Hintergrund zurückhaltend. Zwar sei über eine solche Vereinbarung gesprochen worden, doch die Ukraine habe nach seiner Darstellung zunächst nicht einmal sicher gewusst, ob sie tatsächlich gelte. Gleichzeitig gingen die russischen Angriffe weiter.

Reisner sieht darin eine Doppelstrategie der USA: Washington stelle der Ukraine weiterhin wichtige Aufklärungsdaten zur Verfügung, schränke aber gleichzeitig andere Formen der Unterstützung ein oder stelle sie infrage. Dazu zählt der Experte auch fehlende Patriotmunition, die für den Schutz vor russischen Raketenangriffen wichtig ist.

Trump wolle Selenskyj zu Zugeständnissen bewegen und möglichst rasch einen politischen Erfolg präsentieren. Reisner vermutet, dass dabei auch die amerikanischen Zwischenwahlen eine Rolle spielen. Europa sei von den jüngsten Entwicklungen erneut überrascht worden.

Ob die diplomatischen Bemühungen tatsächlich zu einer Waffenruhe führen, bleibt offen. Für Reisner hängt viel davon ab, ob die Ukraine ihre militärischen Fähigkeiten aufrechterhalten kann und wie weit Washington seine Unterstützung künftig an politische Bedingungen knüpft.

red, Akt. 12.10.2026, 21:01, 12.10.2026, 20:49