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"Läuft die Zeit davon": Reisner lässt im ORF aufhorchen

An der Front herrscht Stillstand, dafür eskaliert der Luftkrieg. Oberst Markus Reisner erklärt, warum das Patt am Boden immer gefährlicher wird.
Newsdesk Heute
10.10.2026, 14:04
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Der US-amerikanische Außenminister Marco Rubio drängt auf eine rasche Verhandlungslösung im Ukraine-Kriege und warnt vor einer Ausweitung der Gewalt: Eine der beiden Seiten könnte versucht sein, die festgefahrene Pattsituation durch Eskalation zu durchbrechen. Russland könnte etwa seine hybriden Angriffe auf Europa intensivieren.

"Die hybriden Angriffe auf Europa sind der Versuch, einen Keil zwischen die europäischen Unterstützer und die Ukraine zu treiben", hält Oberst Markus Reisner im Ö1-Morgenjournal am Freitag fest.

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Die Lage an der Front beschreibt er mit dramatischen Worten: "Es gibt es keine lineare Front mehr. Es gibt nur noch eine Zone – die Todeszone. [...] Alles ist erstickt unter dem Einsatz von Drohnen, die Aufklären und angreifen." Größere Bewegung gebe es nur punktuell in den Bereichen Lyman und Dobropillja – beide "mit begrenztem Erfolg".

Oberst Markus Reisner leitet seit 1. März 2024 das Institut für Offiziersausbildung an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt.
Bundesheer/Kristian Bissuti

Wladimir Putins Ziel einer vollständigen Eroberung des Donbass scheint in immer weitere Ferne zu rücken. Mindestens 258.989 seiner eigenen Landsleute hat der russische Präsident dafür bereits in den Tod geschickt.

"Beiden Seiten läuft die Zeit davon"

Während sich an der erstarrenden Front die Toten stapeln, verlagert sich der Krieg immer weiter ins Hinterland. Sowohl Ukraine als auch Russland setzen zunehmend auf strategische Luftangriffe auf kritische Infrastruktur. "Das Patt an der Front hängt unmittelbar zusammen mit der Luftkriegsführung", erklärt Reisner. Denn: "Beiden Seiten läuft die Zeit davon".

Die russische Armee nimmt vor dem Winter zunehmend die Energieversorgung der Ukraine mit schwersten Luftangriffen ins Visier. "Die Hemmungen der Russen sind gefallen. [...] Ziel ist es, die Lebensader zu treffen. Das Ergebnis ist, dass sich viele ukrainische Städte nach viereinhalb Jahren Krieg im Überlebensmodus befinden", schildert der Bundesheer-Offizier. "Da muss man leider realistisch sein."

Nach Angaben der ukrainischen Regierung sind rund 80 Prozent der gesamten Energieversorgung des Landes zerstört oder beschädigt. Selbst in der Hauptstadt Kyjiw gibt es keine funktionierenden Heizkraftwerke mehr.

"Dreieck des Terrors"

"Wir sehen hier einen Abnützungskrieg, der durch Quantität und nicht Qualität entschieden wird", so Reisner weiter. Russland setze dabei auf das sogenannte "Dreieck des Terrors":

  • schnellfliegende, jet-getriebene Drohnen vom Typ Geran-5,
  • schwer zu detektierende Marschflugkörper und
  • kaum abzufangenden ballistische Raketen

Alleine von den genannten Drohnen produziert Russland mit Unterstützung Chinas jedes Monat bis zu 2.000 Stück, dazu noch einmal rund 200 Marschflugkörper und ballistische Raketen.

"Das sind sehr hohe Zahlen und es braucht [für die Ukraine] die entsprechende Fliegerabwehr mittlerer und hoher Reichweite. Da hat die Ukraine zu wenig" – auch weil die USA trotz internationaler Bemühungen keine Patriot-Raketen mehr rausrücken. Das Ergebnis ist massiven Zerstörung in der Energie-Infrastruktur.

Kreml unter Druck

Der Grund für diese massive Steigerung der russischen Angriffe ist der Erfolg er kinetischen "Langstrecken-Sanktionen" (Wolodymyr Selenskyj) der Ukraine auf den russischen Erdölsektor. Mehr als die Hälfte der Produktionskapazität sei inzwischen durch die ukrainischen Luftschläge eingeschränkt, sagt Reisner.

"Russland weiß, dass es diese Angriffe selbst nicht lange durchstehen kann. Ab einem gewissen Zeitpunkt ist die Ölproduktionskapazität so stark beschädigt oder zerstört, dass die Devisen, die man braucht, um den Krieg fortzuführen, nicht herein gespült werden können."

Der Silberstreif: Keine Seite könne das ewig durchhalten und die Verluste würden immer größer. "Paradoxerweise ist durch die zunehmende Eskalation des Krieges die Chance auf einen Waffenstillstand so groß wie nie zuvor", so Reisner kürzlich gegenüber dem deutschen "Focus".

USA sind der Königsmacher

Der Militärhistoriker verweist auf ein Muster in der Geschichte der vielen Kriegen der Menschheit: "Meistens kam es zu einer Kapitulation oder einem Waffenstillstand, wenn eine der beiden Seiten nicht mehr in der Lage war, diesen Krieg zu führen."

Auch die USA würden scheinbar ganz gezielt Druck auf beide Parteien ausüben: Sie unterstützen die Ukraine zwar mit Zieldaten für deren eigene Luftkampagne gegen Russland, aber geben ihr keine Luftabwehrraketen, um russische Schläge abzuwehren.

"Das Paradoxe an der Aussage von Rubio ist, dass die USA nach wie vor der Königsmacher in diesem Konflikt sind", kommentiert Reisner. Das Weiße Haus warte scheinbar darauf, dass einer Seite die Luft ausginge. Aus innenpolitischer Sicht wohl optimalerweise vor den in wenigen Wochen anstehenden Midterms: "Denn dann könnte Präsident Donald Trump verkaufen, dass er einen Konflikt gelöst hätte."

red,10.10.2026, 14:04