Die internationalen Rohölpreise sind zuletzt trotz anhaltender geopolitischer Spannungen auf knapp über 70 Euro je Barrel gesunken. Trotzdem bleiben die globalen Kraftstoffmärkte angespannt. Laut einer aktuellen Analyse der UniCredit Bank Austria liegt das Problem inzwischen weniger bei der Versorgung mit Rohöl als bei den begrenzten Raffineriekapazitäten.
"Die Märkte signalisieren eine ausreichende Rohölverfügbarkeit, während die Verarbeitungskapazitäten hinter der Nachfrage zurückbleiben", sagt Bank-Austria-Chefökonom Stefan Bruckbauer. Dadurch blieben die Preise für raffinierte Produkte hoch, obwohl die Rohölnotierungen deutlich nachgegeben hätten.
"Der energiebasierte Inflationsdruck hält damit an und erschwert die geldpolitischen Entscheidungen der Europäischen Zentralbank", so Bruckbauer.
Wie angespannt der Markt ist, zeigt sich an den sogenannten Crack-Spreads. Sie messen die Differenz zwischen dem Wert raffinierter Produkte und dem Preis von Rohöl und gelten als Maß für die Rentabilität von Raffinerien.
Normalerweise entwickeln sich Rohöl- und Treibstoffpreise weitgehend parallel, wodurch die Raffineriemargen relativ stabil bleiben. In den vergangenen Wochen hätten sich diese Margen jedoch deutlich ausgeweitet und das höchste Niveau seit der Energiekrise 2022 erreicht.
Hintergrund seien Produktionsausfälle und Kapazitätseinschränkungen an wichtigen Raffineriestandorten. Mehrere Anlagen im Nahen Osten würden derzeit unter ihrer technischen Auslastung arbeiten. Auch russische Raffineriekapazitäten seien infolge des Ukraine-Kriegs erheblich beeinträchtigt.
Für Autofahrer ist die Folge deutlich spürbar: Niedrigere Rohölpreise kommen nur begrenzt an den Zapfsäulen an.
"Auch in Österreich zeigt sich eine zunehmende Entkopplung zwischen Rohöl- und Treibstoffpreisen", sagt Bank-Austria-Ökonom Walter Pudschedl. Seit seinem Höchststand Anfang Mai 2026 sei der Rohölpreis um mehr als 20 Prozent von rund 95 auf etwas über 70 Euro je Barrel gefallen. Diesel und Benzin seien dagegen deutlich weniger billiger geworden.
In der ersten Augusthälfte kostete Diesel demnach an unseren Tankstellen im Schnitt 2,01 Euro je Liter, Superbenzin 1,78 Euro. Nach Abzug von Umsatzsteuer, Mineralölsteuer und CO₂-Bepreisung ergeben sich Nettopreise von rund 1,15 Euro für Diesel und 0,88 Euro für Benzin.

Gegenüber ihren Höchstständen seien diese Nettopreise lediglich um rund fünf Prozent gesunken, rechnen die Bank-Austria-Experten vor.
Auch bei der Inflation hinterlassen die hohen Energiepreise deutliche Spuren. Energieprodukte machen zwar nur rund 8,2 Prozent des österreichischen Warenkorbs aus, seit Beginn des Iran-Konflikts waren sie nach Berechnungen der Bank Austria aber für rund ein Fünftel der gesamten Inflation verantwortlich.
Nachdem die Teuerung zu Jahresbeginn auf rund 2 Prozent gesunken war, sorgten steigende Treibstoffpreise ab März für eine Trendwende. Zwischen März und Juli lag die Inflation im Mittel bei 3,2 Prozent. Energie trug dabei mehr als 0,6 Prozentpunkte zur Gesamtteuerung bei.
Besonders stark fiel laut Bankern der Beitrag der Treibstoffe aus: Diesel war demnach für rund 13 Prozent und Benzin für knapp 6 Prozent der gesamten Inflation verantwortlich. Zusätzlicher Preisdruck kam von höheren Preisen für Erdgas und Heizöl. Dämpfend wirkten hingegen die im Jahresvergleich gesunkenen Strompreise.
"Mit Beginn der zweiten Jahreshälfte hat sich die Inflation zwar auch durch den geringeren Preisauftrieb von Energie abgeschwächt, der Rückgang hätte angesichts der niedrigeren Rohölpreise jedoch stärker ausfallen müssen", betont Pudschedl.
Nach vorläufigen Schätzungen sank die Inflationsrate im Juli auf 2,7 Prozent und damit erstmals seit Ausbruch des Iran-Konflikts wieder unter 3 Prozent. Gleichzeitig stiegen die Energiepreise im Jahresvergleich um 5,7 Prozent, gegenüber Juni um 1,2 Prozent. Der durchschnittliche Rohölpreis lag dabei sogar leicht unter dem Juni-Niveau.
Die Berechnungen der Bank Austria zeigen, wie groß die mögliche Entlastung gewesen wäre: Bei unveränderten Raffineriemargen hätte der durchschnittliche Rohölpreis von 72,5 Euro je Barrel im Juli um rund 10 Cent je Liter niedrigere Treibstoffpreise ermöglicht. Die Gesamtinflation wäre dadurch um mehr als 0,2 Prozentpunkte geringer ausgefallen.
Zusätzlich habe die schrittweise Rücknahme der staatlichen Benzinpreisbremse den Inflationsdruck verstärkt. Die im April eingeführte Entlastung von 5 Cent je Liter wurde sukzessive reduziert und beträgt aktuell nur noch 0,8 Cent je Liter.
Hohe Energiepreise beeinflussen aus Sicht der Ökonomen nicht nur die aktuelle Teuerung, sondern auch die Inflationserwartungen. Über höhere Transport- und Produktionskosten sowie steigende Lohnforderungen bestehe das Risiko, dass sich der Preisdruck auf weitere Bereiche der Wirtschaft ausweitet.
"Wir erwarten für Österreich im Jahr 2026 eine durchschnittliche Inflation von 3,2 Prozent. Auch im Euroraum dürfte die Teuerungsrate mit 2,9 Prozent oberhalb des EZB-Ziels liegen", sagt Pudschedl.
Für die Europäische Zentralbank bleibe die Lage damit herausfordernd. Die Rohölmärkte hätten sich zwar beruhigt, hohe Raffineriemargen und Kapazitätsengpässe verhinderten jedoch einen stärkeren Rückgang der Energiekosten.
"Die geopolitischen Risiken im Nahen Osten, die Unsicherheit auf den Energiemärkten und die robuste Entwicklung der Arbeitsmärkte sprechen dafür, dass die EZB ihren Straffungszyklus noch nicht abgeschlossen hat", sagt Bruckbauer. Die Bank Austria rechne daher weiterhin mit einer Anhebung der Leitzinsen um 25 Basispunkte bei der September-Sitzung.
Unter der Annahme, dass es zu keiner weiteren Eskalation an den Energie- und Rohstoffmärkten kommt, dürfte diese Erhöhung laut Analyse den Endpunkt des aktuellen Straffungszyklus markieren. Der Einlagensatz würde damit 2,50 Prozent erreichen.
Anhaltende Raffinerieengpässe, eine Verschärfung der geopolitischen Spannungen oder zusätzliche Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln könnten den Rückgang der Inflation allerdings verzögern und eine länger restriktive Geldpolitik notwendig machen.