Am Ende war der Wahlkampf in Baden-Württemberg voll auf das Duell Cem Özdemir gegen Manuel Hagel zugespitzt. Der Sieger hieß Özdemir: Mit einem Schlussspurt, den vor ein paar Wochen kaum jemand erwartet hätte, sichert der 60-Jährige den Grünen auch nach 15 Jahren mit Winfried Kretschmann das Amt des Ministerpräsidenten im "Ländle".
Während die CDU mit ihrem Spitzenkandidaten Manuel Hagel unter der Politik der Bundesregierung und eigenen Pannen leidet, stehen SPD, FDP und Linke vor einem Scherbenhaufen. Nur die AfD jubelt – und das trotz ihrer Verwandtenaffäre.
Langer Applaus und ein inniger Kuss seiner Frau Flavia Zaka – als Özdemir nach den ersten Hochrechnungen auf der Grünen-Wahlparty auftritt, herrscht ausgelassene Feierstimmung. Der umjubelte Mann gibt sich da aber noch zurückhaltend. "Es sei noch zu früh, um final etwas zu sagen", meint Özdemir, obwohl er in den Hochrechnungen von ARD und ZDF voran liegt.
Bei einer Auszählung von 99 Prozent und inklusive Hochrechnung lagen die Grünen bei 30,3 Prozent. Das ist zwar nicht ganz das Rekordergebnis von 2021, als Kretschmann 32,6 Prozent holte, aber trotzdem beachtlich. Die CDU lag mit 29,7 Prozent nur auf Platz zwei.
Dass die Grünen diese Wahl gewinnen und weiter den Regierungschef stellen, hätte im vergangenen Herbst kaum jemand geglaubt. Der Grund liegt auf der Hand: Özdemir hat als Politiker herausragende Zustimmungswerte. Die Hälfte der Grünen-Wähler gab in einer Umfrage von Infratest dimap für die ARD an, wegen Özdemir die Partei gewählt zu haben. In einer ZDF-Umfrage wird Özdemir als deutlich sympathischer, glaubwürdiger und fachlich stärker als Hagel beschrieben.
In einer seiner ersten Reaktionen zeigt sich Hagel als fairer Verlierer und gratuliert Özdemir, mit dem er sich in den letzten Tagen vor der Wahl immer wieder scharf duelliert hat. Hagel wirkt angeschlagen vom Ausgang, der auf einen Stimmungsumschwung der Wählerinnen und Wähler in letzter Minute hindeutet. Noch im Vorjahr lag die CDU zeitweise mehr als zehn Prozentpunkte vor den Grünen, in den letzten zehn Tagen drehte sich das Blatt.
Laut Hochrechnungen liegt die CDU zwar mehr als fünf Prozentpunkte über ihrem Ergebnis von 2021, dürfte aber trotzdem nur kleinerer Koalitionspartner bleiben. Hagel nimmt die Schuld auf sich: "Ich trage die Verantwortung." In den letzten Tagen vor der Wahl haben eine Schwärmerei für eine Schülerin und eine falsche Erklärung des Treibhauseffekts seine Kampagne belastet. Ob er wirklich allein verantwortlich ist? Eine ARD-Wählerbefragung zeigt viel Kritik an der CDU im Bund – 78 Prozent finden, Bundeskanzler Friedrich Merz habe mit der CDU "viel versprochen, wenig gehalten".
Von dieser kritischen Stimmung und auch den Sorgen rund um die Wirtschaftsflaute – das von der Autoindustrie geprägte Baden-Württemberg ist besonders betroffen – hat offenbar auch die AfD profitiert. Die ARD sieht sie bei 18,6 Prozent, das ZDF bei 18,4 Prozent. Das ist fast eine Verdoppelung im Vergleich zu 2021. Der AfD scheint ihre Verwandtenaffäre rund um die Beschäftigung von Familienangehörigen von AfD-Abgeordneten durch andere AfD-Abgeordnete nicht geschadet zu haben. AfD-Spitzenkandidat Markus Frohnmaier bietet der CDU noch am Wahlabend eine gemeinsame Regierung an – das lehnt die CDU aber klar ab.
CDU-Mann Hagel hatte am Anfang des Wahlkampfs noch davon geträumt, mit SPD und FDP eine Regierung bilden zu können. Doch beide Parteien stehen vor einem Trümmerhaufen. Mit nur 5,5 bis 5,6 Prozent droht der SPD das historisch schlechteste Ergebnis bei einer Landtagswahl in Deutschland. Spitzenkandidat Andreas Stoch kündigt direkt persönliche Konsequenzen an. SPD-Bundeschef Lars Klingbeil versucht das historische Desaster nicht mit Stoch, sondern mit der Dynamik des Zweikampfs Hagel-Özdemir im Schlussspurt zu erklären.
Unter dieser Dynamik hat die FDP am meisten gelitten. Die Umfragen sahen die Liberalen stabil im Landtag, jetzt fliegen sie raus. Es gab starke Wählerwanderungen von FDP-Anhängern zur CDU, wohl in der Hoffnung, Hagel doch noch zum Sieg zu verhelfen. Damit sind die Liberalen zum ersten Mal nicht mehr im Landtag ihres Stammlandes. Nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag vor einem Jahr der nächste große Tiefschlag.
Auch die Linke hat es erwischt. Erst auf den letzten Drücker dreht sich unter dem Eindruck des Duells Özdemir gegen Hagel die Stimmung gegen sie. Dass sie mit 4,3 bis 4,4 Prozent voraussichtlich ihr historisch bestes Ergebnis in Baden-Württemberg holen, ist nur ein schwacher Trost. Bei den jungen Wählern von 16 bis 24 Jahren holten sie laut Befragungen immerhin 14 Prozent, was Hoffnung für die Zukunft macht. In dieser Altersgruppe liegen aber die Grünen klar vor allen anderen Parteien. Das dürfte einer der Erfolgsfaktoren für Özdemir gewesen sein.