Ein gewaltiges Netzwerk rund um Ungarns Premier Viktor Orbán sorgt derzeit für Aufsehen. Laut einer umfangreichen Analyse der "Financial Times" von 350.000 Ausschreibungen haben 13 Männer aus seinem engsten Umfeld seit seinem Amtsantritt im Jahr 2010 massiv von öffentlichen Aufträgen profitiert.
Konkret geht es um rund 28 Milliarden Euro, die diese Gruppe seither über staatliche Ausschreibungen lukriert hat – im Schnitt 1,8 Milliarden Euro pro Jahr. Zum Vergleich: In den fünf Jahren davor waren es nur etwa 608 Millionen jährlich.
Besonders auffällig: Ein erheblicher Teil der Aufträge ging an Firmen, bei denen es keine Konkurrenzangebote gab. In den Jahren 2024 und 2025 wurden sogar 69 Prozent der Deals ohne Mitbewerber vergeben.
Im Zentrum des Systems steht unter anderem Lörinc Mészáros, ein Jugendfreund Orbáns, der mittlerweile als reichster Mann des Landes gilt.
Auch Bauunternehmer László Szíjj zählt zu den großen Profiteuren – seine Firmen erhielten Aufträge in Höhe von fast 8 Milliarden Euro, darunter aktuell den Bau einer 747 Millionen Euro teuren Donau-Brücke zwischen Kroatien und Serbien. Vor Orbáns Machtübernahme waren es insgesamt wenige hundert Millionen.
Zu diesem Netzwerk gehörte einst auch Orbáns ehemaliger Mitbewohner aus Studienzeiten, Lajos Simicska. Er überwarf sich 2015 mit Orbán und musste anschließend mit ansehen, wie sein Unternehmensimperium zerfiel. Seine Vermögenswerte wurden von Mészáros und anderen übernommen.
Zu den weiteren prominenten Mitgliedern zählen Orbáns Schwiegersohn István Tiborcz sowie der langjährige Wanderpartner des Ministerpräsidenten, István Garancsi, und Gyula Balásy, der Mann hinter dem Werbeimperium, das die Regierung bedient.
Kritiker sprechen offen von einem System der Selbstbedienung. Ein Ökonom vom Budapester Zentrum für Korruptionsforschung bezeichnet das Orbán-Modell als "Kleptokratie", bei der staatliche Gelder gezielt an politische Verbündete fließen: "Die Elite beraubt den Staat öffentlicher Gelder und nutzt dabei die mangelnde Rechtsstaatlichkeit aus."
Auch die EU sieht das kritisch und hat bereits Milliarden an Fördergeldern eingefroren – wogegen der Ungarn-Premier lautstark wettert.
Orbán selbst weist alle Vorwürfe zurück. Unternehmen wie Duna Aszfalt betonen, ihr Erfolg beruhe auf Erfahrung und Qualität – nicht auf politischen Beziehungen.
Brisant: Kurz vor der kommenden Wahl gerät das System zunehmend unter Druck. In Umfragen liegt die Opposition teilweise deutlich voran. Ob das milliardenschwere Netzwerk Orbán diesmal hilft oder ihm zum Verhängnis wird, entscheidet sich im April an der Wahlurne.
Seit 2012 haben 50 Länder im Korruptionsindex (CPI) einen deutlichen Rückgang ihrer Punktzahl verzeichnet. Zu den Ländern mit den stärksten Einbußen in Europa zählen die Türkei (31) und Ungarn (40). Grundsätzlich gilt: Je höher die Punktezahl, desto freier sind Länder von Korruption. Maximal gibt es 100 Punkte zu erreichen.
Unter Viktor Orbáns Regierung (ab 2010) sackt Ungarn im CPI beständig ab: "Dies spiegelt eine seit einem Jahrzehnt andauernde strukturelle Schwächung der Integritätsmechanismen wider, die durch demokratische Rückschritte, Konflikte, institutionelle Fragilität und tief verwurzelte Gönnernetzwerk begünstigt wird", heißt es dazu.
Ungarn wird damit inzwischen als beinahe so korrupt eingestuft wie die Ukraine (36). Es gibt aber einen großen Unterschied: In dem kriegsgebeutelten Land hat die Korruptionsbekämpfung ihren Namen auch verdient. Der anhaltende Druck von NGOs, der Öffentlichkeit und Journalisten hat dazu beigetragen, Reformen in diesem Bereich voranzutreiben und die Unabhängigkeit der Ermittler zu sichern.