"o/i"

Peter Gabriel: Neues Album ist ein Gesamtkunstwerk

Er meldet sich schneller zurück als erwartet. Nach nur drei Jahren legt Peter Gabriel ("Sledgehammer") wieder ein neues Studioalbum "o/i" vor.
Jochen Dobnik
05.10.2026, 09:57
Loading...
Angemeldet als Hier findest du deine letzten Kommentare
Alle Kommentare
Meine Kommentare
Sortieren nach:

Kommentare neu laden
Nach oben
Hör dir den Artikel an:
00:00 / 02:45
1X
BotTalk

Drei Jahre zwischen zwei neuen Platten sind für Peter Gabriel ungewöhnlich kurz. Eine derart knappe Pause zwischen Studioalben gab es bei ihm zuletzt Anfang der 1980er-Jahre. Auf die Veröffentlichung hat der Musiker sein Publikum dennoch über Monate vorbereitet: Zu jedem Vollmond erschien bereits ein neuer Song.

Auch der Name des Albums, das am 27. November erscheinen soll, ist kein Zufall. "o/i" kehrt den Titel des Vorgängers "i/o" um und ist als dessen Gegenstück gedacht.

"Heute" auf Google als bevorzugte Quelle festlegen

Inhaltlich setzt Gabriel viele Gedanken der vorherigen Platte fort. Er beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen Mensch und Natur, dem Verstreichen der Zeit, dem wachsenden Einfluss von Technologie und der Frage, welchen Platz der Einzelne in der Welt einnimmt. "Ich schreibe oft darüber, herauszufinden, wo man im Leben hingehört", erklärt Gabriel.

Gedanken über eine Welt im Umbruch

Die 13 Stücke bewegen sich zwischen persönlichen Gefühlen und großen gesellschaftlichen Fragen. Manche Songs handeln von Hoffnung, Angst und Verlust, andere von Liebe, Lebensfreude und Zuversicht. Auch rhythmisch soll das Album sehr unterschiedliche Seiten zeigen.

Gabriel blickt dabei besonders auf technische Entwicklungen, die das Leben in den kommenden Jahren stark verändern könnten. "Die Songs sind eine Mischung aus Gedanken und Gefühlen", sagt Gabriel im "Classic Pop"-Magazin. Er habe viel darüber nachgedacht, wie die Zukunft aussehen könne und wie die Menschen darauf reagieren würden.

Nach seiner Einschätzung steht die Gesellschaft vor einer außergewöhnlichen Übergangsphase. Als mögliche Auslöser nennt er drei Entwicklungen: Künstliche Intelligenz, Quantencomputer und Schnittstellen zwischen Gehirn und Computer. Künstler hätten dabei die Aufgabe, in eine noch unklare Zukunft zu blicken. Wenn sie dort etwas erkennen, sollten sie der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten, so Gabriel.

Mensch ist Teil der Natur

Auf "o/i" hinterfragt der 76-Jährige auch die Vorstellung vom Menschen als völlig unabhängigem Wesen. Die Menschheit habe sich lange so verhalten, als stünde ihr die Welt zur freien Verfügung und als existiere alles zu ihrem Nutzen.

Für Gabriel ist der Mensch jedoch ein Teil der Natur und damit auch Teil eines größeren Ganzen. Wer diese Verbindung spüre, Liebe gebe und annehme, könne seinen eigenen Platz leichter finden. Auch die beiden Albumtitel erklärt der frühere Genesis-Sänger mit diesem Gedanken. Bei "i/o" habe das Innere einen neuen Weg nach außen gefunden. Bei "o/i" bekomme nun das Äußere einen neuen Weg nach innen.

Manche Songs brauchten Jahrzehnte

Geschrieben und produziert wurde das Album von Peter Gabriel selbst. Ein Teil der Lieder wurde erst nach dem letzten Album geschrieben. Andere Stücke begleiteten Gabriel schon seit vielen Jahren oder sogar Jahrzehnten.

Seit 2014 ist Peter Gabriel auch als Solomusiker in der "Rock and Roll Hall of Fame" vertreten.
REUTERS/Lucas Jackson

"Manchmal brauchen Dinge Zeit", sagt Gabriel. Andere Menschen würden ihre Arbeit deutlich schneller erledigen, er selbst kenne und akzeptiere jedoch seinen eigenen kreativen Ablauf.

Einige Songs würden sich spontan entwickeln, andere blieben so lange verborgen, bis der passende Augenblick für sie gekommen sei.

Vertraute Musiker wieder dabei

Bei den Aufnahmen arbeitete Gabriel mit zahlreichen langjährigen Weggefährten zusammen. Gitarrist David Rhodes, Bassist Tony Levin und Schlagzeuger Manu Katché sind auf mehreren Liedern zu hören.

Orchestrale Beiträge stammen vom New Blood Orchestra unter der Leitung von John Metcalfe. Außerdem sind der Soweto Gospel Choir und der schwedische Männerchor Orphei Drängar auf dem Album vertreten.

Weitere Gäste sind Brian Eno, die Gitarristen Leo Nocentelli und Tony Berg, Schlagzeuger und Perkussionist Abe Rounds, Pianist Tom Cawley, Trompeter Paolo Fresu, Cellistin Linnea Olsson sowie Multiinstrumentalist Evan Smith. Gabriels Tochter Melanie unterstützt ihren Vater erneut als Sängerin.

Jeder Song erscheint in zwei Mischungen

Wie schon beim Vorgängeralbum lässt Gabriel sämtliche 13 Titel in unterschiedlichen Klangfassungen veröffentlichen. Jeder Song liegt in einem "Bright-Side Mix" und einem "Dark-Side Mix" vor.

Beide Varianten sind gemeinsam in einer Ausgabe mit vier CDs enthalten. Daneben werden sie getrennt voneinander als Doppel-LP angeboten.

Kunst begleitet jeden neuen Song

Auch optisch führt Gabriel die Idee seines vorherigen Albums weiter. Für jeden während des Jahres veröffentlichten Song wurde eine Künstlerin oder ein Künstler eingeladen, ein eigenes Werk beizusteuern.

Dabei treffen unterschiedliche Kunstformen aufeinander. Das Spektrum reicht von Malerei, Skulpturen und Installationen über Stickerei und Webarbeiten bis zu Projekten, die gemeinsam mit Spinnen entstanden.

Beteiligt sind Janaina Mello Landini, Tomás Saraceno, Judy Chicago, Tatsuo Miyajima, Shirin Neshat, Juan Genovés, Roelof Louw, David Altmejd, Francis Alÿs, Tadashi Kawamata, Berndnaut Smilde, Tishan Hsu und Michal Rovner.

Mit "o/i" veröffentlicht Peter Gabriel damit nicht nur 13 neue Lieder. Das Album verbindet erneut Musik, verschiedene Klangfassungen und bildende Kunst zu einem Gesamtprojekt – und erscheint für seine Verhältnisse in beinahe rekordverdächtigem Tempo.

dob,05.10.2026, 09:57