Erst wurden Luxusgeschäfte geplündert, jetzt tauchen auffällig günstige Angebote im Internet auf! Nach den schweren Ausschreitungen am Wochenende in Frankreich werden auf Secondhand-Plattformen mutmaßlich gestohlene Waren angeboten.
Von Kosmetik über Designer-Parfums bis hin zu Pokémon-Sammelkarten ist alles dabei. Sogar ein Pokal eines französischen E-Sport-Teams wurde zum Verkauf gestellt.
Die Verkaufsplattform Vinted reagiert bereits und entfernt verdächtige Inserate. Die Behörden wollen verhindern, dass Kriminelle aus den Plünderungen ein lukratives Geschäft machen.
Besonders auffällig sind einige der Preise, zu denen die Waren im Netz angeboten werden. Wie der britische "Telegraph" berichtet, kursieren in sozialen Netzwerken Screenshots von Verkaufsanzeigen, die kurz nach den Krawallen auf Secondhand-Plattformen aufgetaucht sein sollen.
Darunter befinden sich ganze Taschen voller Sephora-Kosmetik, die bereits für 10 Euro angeboten wurden. Ein weiteres Inserat auf Vinted zeigte sechs Lipglosse der Kosmetikmarke für insgesamt 15 Euro.
Zum Vergleich: Ähnliche Lipglosse der Eigenmarke kosten regulär rund 13 Euro pro Stück. Für sechs davon wären im Geschäft also ungefähr 78 Euro zu bezahlen.
Noch ein Angebot sorgte für Aufmerksamkeit: Sechs Tuben Reinigungspflege wurden für gerade einmal 12 Euro angeboten.
Ob die konkreten Produkte tatsächlich aus geplünderten Geschäften stammen, ist bei den einzelnen Inseraten allerdings nicht abschließend geklärt. Die ungewöhnlichen Preise und der Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung weckten den Verdacht.
Nicht nur günstige Kosmetik sorgt für Misstrauen. Auch Parfums der Luxusmarke Christian Dior tauchten auf den Verkaufsplattformen auf. Ein Angebot soll bei 250 Euro gelegen haben. Daneben wurden größere Mengen originalverpackter Schminkprodukte angeboten.
Sogar Pokémon-Sammelkarten sollen zu den mutmaßlichen Beutestücken gehören. Nach den Krawallen in der nordfranzösischen Stadt Lille wurden entsprechende Karten auf Vinted entdeckt. Einige trugen laut Bericht noch ihre ursprünglichen Preisetiketten.
Zuvor war das auf Sammelkarten spezialisierte Geschäft Le Coin des Barons von einem Brand betroffen gewesen. Hunderte Karten wurden anschließend verstreut auf den Straßen gefunden.
Ein besonders ungewöhnliches Inserat tauchte auf eBay auf. Dort wurde ein silberner StarLadder-Pokal des französischen E-Sport-Teams Team Vitality für 1.250 Euro angeboten. Die Anzeige trug sogar die Bezeichnung "STOLEN RARE VITALITY CS2 TROPHÉE". Das englische Wort "stolen" bedeutet "gestohlen". Das Foto des Pokals soll vor einer mit Graffiti besprühten Wand aufgenommen worden sein.
Team Vitality bestätigte, dass seine Räumlichkeiten in Paris während der Ausschreitungen geplündert worden waren. Dabei wurden neben Pokalen auch Computerausrüstung entwendet. Schaufenster gingen zu Bruch. Ob das angebotene Stück tatsächlich einer der gestohlenen Pokale war, müsste anhand der Ermittlungen geklärt werden.
Die Secondhand-Plattform Vinted bestätigte am Montag (19. Oktober), dass sie wegen der mutmaßlichen Hehlerware zusätzliche Kontrollen eingeführt hat. Seit dem Wochenende seien verdächtige Verkaufsanzeigen überprüft und solche entfernt worden, die mit den Plünderungen in Verbindung stehen könnten.
Der Handel mit gestohlenen Gegenständen sei auf der Plattform strikt untersagt. Wer gegen diese Regeln verstößt, muss laut Unternehmen mit Konsequenzen rechnen. Im schlimmsten Fall werden Nutzerkonten dauerhaft gesperrt. Vinted arbeitet nach eigenen Angaben mit den französischen Behörden und der Polizei zusammen, um verdächtige Angebote aufzuspüren.
Auch eBay betont, den Verkauf gestohlener Ware nicht zu dulden. Das Unternehmen erklärte gegenüber der BBC allerdings, bislang keinen generellen Anstieg entsprechender Inserate im Zusammenhang mit den französischen Plünderungen festgestellt zu haben. Wenn die Behörden bestätigen, dass ein angebotener Gegenstand gestohlen wurde, werde die Anzeige entfernt und gegen den Verkäufer vorgegangen.
Die französische Regierung schaltet sich nun ebenfalls ein. Kleinunternehmensminister Serge Papin kündigte für Montag ein Treffen mit Betreibern großer Online-Marktplätze und Vertretern des Innen- und Justizministeriums an. Eingeladen wurden unter anderem Vinted, Amazon, eBay und TikTok.
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie verhindert werden kann, dass geplünderte Ware unmittelbar nach den Ausschreitungen über das Internet weiterverkauft wird. Besonders problematisch ist dabei, dass sich die Herkunft einzelner Produkte auf Verkaufsplattformen nicht immer einfach überprüfen lässt. Ein günstiger Preis allein beweist schließlich nicht, dass ein Gegenstand gestohlen wurde.
Hintergrund sind die schweren Ausschreitungen, die Frankreich am Samstag erschütterten. Landesweite Demonstrationen gegen die hohen Lebenshaltungskosten und den Zustand öffentlicher Dienstleistungen schlugen in mehreren Städten in Gewalt um.
In Paris, Marseille, Lille und weiteren Städten wurden Geschäfte aufgebrochen und ausgeräumt. Besonders betroffen waren auch Einkaufsstraßen mit bekannten Luxusmarken. Unter anderem wurden Geschäfte von Louis Vuitton, Dior und Rolex beschädigt.
Nach Angaben des französischen Industrie- und Handelskammerverbandes waren mehr als 2.000 Unternehmen von den Ausschreitungen betroffen. Der Schaden dürfte sich auf mehrere Hundert Millionen Euro belaufen.
In Marseille wurde sogar der offizielle Fanshop des Fußballklubs Olympique Marseille geplündert. Auch der Klub OSC Lille musste seinen Fanshop vorübergehend schließen.
Nach den gewaltsamen Protesten stehen die Behörden damit vor einem zusätzlichen Problem: Die mutmaßliche Beute könnte auf Online-Marktplätzen rasch weiterverkauft werden. Die ersten Löschungen bei Vinted zeigen, dass die Plattformen bereits reagieren.
Ob sich alle verdächtigen Gegenstände tatsächlich den Plünderungen zuordnen lassen, müssen die Ermittlungen klären. Fest steht: Die auffällig billigen Angebote und der zum Verkauf gestellte E-Sport-Pokal haben die Aufmerksamkeit von Polizei und Regierung auf den digitalen Handel mit mutmaßlichem Diebesgut gelenkt.